: Scott Thomas
: Violet Roman
: Heyne Verlag
: 9783641246778
: 1
: CHF 6.20
:
: Horror
: German
: 576
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Dreißig Jahre nach dem Tod ihrer Mutter bricht für Kris Barlow erneut die Welt zusammen: Ihr Mann stirbt bei einem Autounfall. Geschockt beschließt Kris, sich zusammen mit ihrer kleinen Tochter Sadie in das alte Ferienhaus ihrer Familie am Lost Lake, nahe Pacington, zurückzuziehen. Doch der Ort hat sich verändert, die Einwohner sind misstrauisch, denn im Laufe der letzten Jahre verschwanden mehrere Mädchen spurlos. Zunächst schenkt Kris den Warnungen der Leute keine Beachtung, aber dann ereignen sich seltsame Dinge in ihrem Haus. Als auch Sadie beginnt, sich zunehmend merkwürdiger – und unheimlicher – zu verhalten, wird Kris klar, dass sie sich den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit stellen muss, wenn sie das Leben ihrer Tochter retten will ...

Scott Thomas hat an der University of Kansas Englisch und Film studiert. Er ist Co-Creator und Produzent von Disney Channel's »Best Friends Whenever« und Disney XD's »Randy Cunningham: 9th Grade Ninja« und hat Fernsehfilme und Teleplays für verschiedene Netzwerke wie MTV und VH1 geschrieben. Mit »Kill Creek« veröffentlichte er seinen ersten Roman. Scott Thomas lebt mit seiner Familie in Sherman Oaks, Kalifornien.

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Der graue Streifen der Straße durchschnitt die Schwärze der Nacht. Jenseits der Scheinwerferkegel erhellte nur das spärliche Mondlicht die Landschaft. Sie stellte sich vor, wie die Straße ohne Vorwarnung endete und sie mit dem Auto in eine endlose Leere stürzte, immer tiefer, bis ihre Schreie in der Dunkelheit verhallten.

Eine dumme, kindische Vorstellung, aber das Leben, das sie so krampfhaft zusammenzuhalten versucht hatte, lag nun endgültig in Scherben. Und so fuhr sie weiter, den Blick immer auf den Punkt gerichtet, an dem die Scheinwerferkegel endeten und die Welt nur noch aus Schatten bestand.

Kris Barlow betrachtete sich im Rückspiegel und hatte das Gefühl, von einer Fremden angestarrt zu werden. Das sanfte Licht der Armaturenbeleuchtung ließ ihre leichten Krähenfüße tiefer erscheinen, und ihr eigentlich makelloser weißer Teint war unter den vielen Sommersprossen kaum zu erkennen. Hätte ihre Mutter sie in ihrer Kindheit doch bloß so nachdrücklich dazu angehalten, ihre Haut mit Sonnencreme zu schützen, wie sie es bei ihrer eigenen Tochter tat. Aber das waren andere Zeiten gewesen, heute gängige Begriffe wie »Lichtschutzfaktor« oder »Sonnentyp« hatten damals noch gar nicht existiert. Sie erinnerte sich an die seltsame Genugtuung, die sie beim Abpulen von möglichst großen Fetzen durchsichtiger, toter Haut empfunden hatte. Einmal war es ihr gelungen, ein Stück so groß wie ihre Handfläche unversehrt abzulösen. Sie hatte es vorsichtig an ihre rechte Wange gehalten, sich damit im Badezimmerspiegel betrachtet und sich wie eine Eidechse gefühlt, unter deren abgestoßener alter Haut die neue zum Vorschein kam.

Kris starrte ihr Gesicht im Rückspiegel an. Wann war sie zu dieser Person geworden? Wenn sie nach der Lebensspanne ihres Vaters ging, der mit zweiundachtzig Jahren gestorben war, hatte sie ihre Lebenshälfte erreicht. Wenn sie nach ihrer Mutter ging, war sie demnächst fällig.

Auf dem Rücksitz bewegte sich etwas.

Kris drehte den Rückspiegel so, dass sie Sadies blasse, gegen das Seitenfenster gelehnte Gestalt sehen konnte. Der Sicherheitsgurt hielt sie aufrecht, ihr Kopf hing schlaff herab, und das Kinn war auf ihre Brust gesunken. Rote Locken fielen über ihre geschlossenen Augen. Auf dem Sitz neben ihr lagen ein Laptop und ein iPad, beides hatte sie seit der Abreise nicht angerührt.

Das bin ich – vor ungefähr tausend Jahren. Kris sah ihren Vater vor sich, wie er am Steuer saß, die Hände sorgfältig in der vorschriftsmäßigen Viertel-vor-drei-Stellung am Lenkrad, während ihre Mutter im schwachen Licht einer Taschenlampe las.

Damals waren sie immer erst aufgebrochen, wenn ihr Vater von der Arbeit kam. Die Fahrt dauerte keine zwei Stunden, es machte also nichts, erst gegen sieben oder acht Uhr abends von ihrem Zuhause in Blantonville loszufahren. Wenn sie hörte, wie ihr Vater die Wohnungstür aufschloss, sprang die kleine Krissy von ihrem Sitzsack vor dem Fernseher im Wohnzimmer auf und