: Anika Beer
: Am Horizont das Meer Roman
: Goldmann
: 9783641234652
: 1
: CHF 8.90
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 304
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Seit sie denken kann, träumt Sofia vom Meer.Von einer wilden Küste mit tosender Brandung. Woher diese Bilder kommen, weiß sie nicht, und ihre Großmutter Emilie weicht ihren Fragen nach der Vergangenheit immer wieder aus. Erst nach Emilies Tod findet Sofia eine Kiste mit Briefen aus einem Fischerdorf an der Costa Brava. Offenbar hat Sofia dort als kleines Mädchen einen Sommer verbracht. Fest entschlossen, das Meer aus ihren Träumen zu finden, macht sie sich auf den Weg nach Spanien - und auf die Suche nach der eigenen Vergangenheit ...
Ein Roman wie der Ozean: mal sanft, mal sturmgepeitscht und dabei voller Kraft und Tiefe.

Anika Beer ist ein Herbstkind des Jahres 1983 und wuchs in der Bergstadt Oerlinghausen am Teutoburger Wald auf. Die Welt der Geschichten begleitet sie seit frühester Kindheit: Sie lernte mit 3 Jahren lesen, im Alter von 8 bekam sie eine Schreibmaschine und fing an, erste Geschichten zu schreiben. Anika Beer begeistert sich für Kampfkunst und fremde Kulturen und lebte nach dem Abitur einige Zeit in Spanien, bevor sie in Bielefeld eine Stelle an der Universität annahm. Inzwischen hat sie mehrere Bücher für Jugendliche und Erwachsene veröffentlicht und lebt mit ihrer Familie in Bielefeld.

1.

Rauschend umspült die Brandung meine Knöchel. Sie plätschert und glitzert an meinen Zehen, die mit jeder Welle tiefer in den nassen Sand sinken. Kitzelnd entfliehen die Kiesel dem Druck meiner nackten Sohlen. Das Wasser leuchtet unter den Strahlen der Nachmittagssonne himmelblau und türkis. Ein vertrautes Meer. Ein vertrauter, wilder Horizont, ein überwältigendes Gefühl von Heimkehr, und doch …

Wo ein Flüstern in jeder schäumenden Welle sein sollte, eine Melodie im Säuseln des Windes, der über die gekräuselte Oberfläche streift, höre ich nichts.

Salz auf meiner Haut. Gischt und Möwenschreie. So nah. So unerreichbar.

Und das Meer schweigt mich an.

»Entschuldigen Sie bitte. Ich suche den Weg zum Strand.«

Die Worte drangen so unerwartet durch die Stille, dass Sofia sich im ersten Moment nicht einmal darüber wunderte.

Wasser. Wellenrauschen. Wind.

Ein Strand?

Erst nach und nach dämmerte ihr, dass ihre Gedanken sehr weit fort gewandert sein mussten und dass es wohl keinen logischen Zusammenhang zwischen der Frage, dem Rauschen in ihren Ohren und der nüchternen Kühle des Bibliotheksschalters unter ihren aufgestützten Ellbogen gab.

»Ist alles in Ordnung bei Ihnen?« Das junge Mädchen auf der anderen Seite des Tresens krauste besorgt die sonnenverbrannte Nase. Erstsemester, vermutlich. Höchstens drittes. Sie hatte Sommersprossen. Dicht an dicht wie Sandkiesel auf der hellen Haut.

»Oh, nein, schon gut. Ich war nur in Gedanken.« Auch Sofia zwang rasch ein Lächeln in ihre Mundwinkel; weiter kam es nicht, sondern blieb dort stecken wie mit Nadeln angeheftet. »Was war die Frage, bitte?«

»Ich suche ein Buch. Es soll an diesem Standort sein.« Das Sommersprossenmädchen legte einen Zettel auf den Tresen der Ausleihe.FB21TT400 C191(2) stand darauf.China Study: Die wissenschaftliche Begründung für eine vegane Ernährungsweise, Campbell 2011.

Standort – nicht Strand.Ach so.

Sofia schüttelte den Kopf und zugleich die letzten Überbleibsel von Salzwind und Meeresrauschen von ihrer Haut. Das Stecknadellächeln verursachte ihr einen Krampf in der linken Wange. »Tut mir leid, da sind Sie hier falsch. Hier finden Sie nur Bücher über Literaturwissenschaft und Linguistik. Die Ernährungs- und Haushaltswissenschaften sind auf der anderen Seite des Gebäudes, Bereich E-1, einmal quer durch die Halle.« Sie warf einen Blick auf die Uhr hinter ihr an der Wand und erschrak. Acht Minuten nach fünf.

Völlig die Zeit verträumt.

Um Viertel nach fünf wollte sie Oliver abholen. Daraus wurde nun wohl nichts. Der Feierabend fing gut an. Sie wandte sich wieder an die Studentin, bemüht, sich die plötzliche Eile nicht anmerken zu lassen. »Die Kollegen sind wahrscheinlich schon alle weg, aber versuchen Sie mal Ihr Glück.«

Die junge Frau errötete bis unter die Haarwurzeln. »Oh. Danke.