Die Tantramassage
Monatelang liegt der Gutschein auf meinem Schreibtisch. Immer wieder nehme ich ihn in die Hand und fühle in mich hinein. Es stimmt: Meine Heilpraktikerin hat mir eine Tantramassage empfohlen. Als wir über die Geburt und den notwendigen Kaiserschnitt gesprochen haben, bin ich in ihrer Praxis in Kreuzberg in Tränen ausgebrochen.
»Ich habe keine Lust mehr. Auf nichts mehr«, platzte es zu meiner eigenen Überraschung aus mir heraus. »Es ist, als ob ich nicht da wäre.« Die Tränen liefen mir nur so runter. »Als ob ich nur noch im Kopf existieren würde.« Sie reichte mir ein Taschentuch. »Alles unterhalb meines Halses fühle ich gar nicht mehr.«
»Sie sollten eine Tantramassage machen, damit Sie sich wieder mit Ihrem Unterleib verbinden«, sagte sie.
»Was ist eine Tantramassage?«, fragte ich und schniefte.
»Tantra stammt aus Indien und ist ein spiritueller Weg, ähnlich wie Yoga. Bei der Tantramassage geht es um ein sehr achtsames Ritual, bei dem der ganze Körper – und eben auch der Intimbereich – berührt und massiert wird. Gerade Frauen hilft die Tantramassage, traumatische Erlebnisse, die ihren Schoßraum betreffen, loszulassen und zu verarbeiten«, erklärte sie.
Ich blicke auf den Gutschein.Darf ich das?, frage ich mich.Darf ich zu jemand Fremdem gehen, um mir Lust verschaffen zu lassen? Im Bett mit meinem Freund herrscht fast schon seit zwei Jahren Flaute. Der erste Kuss nach der Geburt war ein Schock. Irgendwie passten unsere Münder nicht mehr zusammen. Dauernd prallten die Zähne aufeinander. Auch beim Sex lief es nicht mehr so geschmeidig wie früher. Meine erogenen Zonen schienen erloschen. Berührungen, die mich früher in Flammen gesetzt haben, entlocken mir nur noch ein müdes Lächeln. Mein Körper reagiert nicht mehr so, wie er soll. Kein Wunder, dass meine Lust auf Sex gleich null ist. Wenn das Feuer nicht brennt und die Flüsse nicht überlaufen, dann herrscht eben Flaute. Ebbe. Oder eben: Lustlosigkeit.
Vielleicht kann dich jemand anderes auf Touren bringen, höre ich plötzlich eine Stimme in meinem Kopf. Ich werde rot. Die Idee, einen Profi zu erleben, erscheint mir auf einmal total verlockend. Nicht jemand, der Sex quasi wie wir alle Learning by Doing gelernt hat, sondern einenSexological Bodyworker, der Sexualität und Lust studiert hat. Mit Diplom.
Meine Neugier ist geweckt. Ich rufe bei einem Institut für Tantramassagen in Westberlin an. »Du solltest mehr Zeit buchen«, rät mir der Mann am Telefon. Zwei Stunden erscheinen ihm zu wenig. »Frauen brauchen länger, um locker zu werden«, erklärt er. Er empfiehlt mir drei Stunden. Ich buche schließlich zweieinhalb Stunden. Für 220 Euro! Da überlegt man sich jede halbe Stunde mehr.
Ich bin nervös, als ich die Kantstraße entlanglaufe. Ich habe das Tantra-Institut mit der edelsten Webseite ausgesucht. Ich will keine Räucherstäbchen, Buddhafiguren und Klangschalenmusik haben, während mir jemand die Klitoris massiert.Was für eine Schnapsidee!, schimpfe ich mit mir. Nun habe ich doch ganz schön Muffensausen. Gleich werde ich nackt vor einer Masseur