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JETZT
Ich wache früh auf und habe Kopfschmerzen. Nicht die Sorte, die mich gleich komplett lahmlegt, aber doch eine, die bedrohlich pocht und mit ihren Knochenfingern bösartig hinter meinen Augen herumstochert. Der Lärm von der Straße ist ein körperliches Gefühl, jedes Geräusch kratzt über meine Haut und fährt kreischend durch die Axone in mein Hirn. Vorhänge filtern die Sonnenstrahlen, die schwebende Staubteile beleuchten und träge an der Wand herunterfließen. Der Tag wird mit Sicherheit viel zu heiß für die Jahreszeit, und ich spüre, wie sich Apathie auf mich legt wie eine Wolldecke.
Ich liege auf dem Rücken und tue, als wäre ich allein. Zu Beginn unserer Beziehung habe ich darauf bestanden, links neben Tom zu schlafen. Ich genoss es, ihn morgens gleich sehen zu können, wenn ich aufwachte. Aber er hat die linke Seite des Betts bevorzugt, und so tauschten wir irgendwann. Jetzt liegt er auf meiner blinden Seite, und das kommt mir heute Morgen sehr entgegen, denn so muss ich es nicht bewusst vermeiden, ihn anzusehen. Das ist gemein von mir, ich weiß. Also drehe ich mich um – und sehe, dass er ausnahmsweise schon auf ist. Ich schlafe meist nicht so gut und bin bereits um fünf wach, lange bevor Tom an die Oberfläche zurückkehrt, und deshalb ist die Leere neben mir ein bisschen verwirrend.
Er steht an der Theke in der Küche und stopft sich bereits mit Eiern und Toast voll, und der Anblick verursacht mir leichte Übelkeit. Der Ketchup glitzert wie eine Blutlache. Er hat mich nicht bemerkt, also bleibe ich in der Tür stehen und beobachte diesen Mann, mit dem ich seit vier Jahren verheiratet bin.
Tom Dryland ist nett. Eine oft unterschätzte Bezeichnung, die fad oder sogar schwach implizieren könnte, vor allem bei einem Mann. Aber Tom ist nichts dergleichen. Er ist in erster Linie geduldig und liebenswürdig, und er besitzt einen unerschütterlichen Gleichmut, der auf die Menschen in seiner Umgebung meistens beruhigend wirkt. Wenn es überhaupt etwas an ihm zu bemängeln gibt, dann, dass er immer, aber auch wirklich immer recht hat. Doch gerade dieser entschlossene Glaube an sich selbst verleiht ihm die Fähigkeit, mit ruhiger Entschiedenheit Problemen ins Auge zu sehen und Entscheidungen zu treffen. Er ist zwar kein Christian Bale oder Brad Pitt, aber seine Gesichtszüge sind so symmetrisch und ebenmäßig, dass er deutlich besser aussieht als die meisten anderen Männer. Manchmal frage ich mich, warum er ausgerechnet mich zu seiner Frau auserkoren hat. Nur um jegliches Missverständnis zu vermeiden: Ich küsse ihm nicht vor lauter Dankbarkeit die Füße. Aber gelegentlich frage ich mich doch, was genau er damals gesehen hat, das ihn denken ließ: Ja, die ist die Richtige für mich.
Seine Mutter hat es jedenfalls nicht gesehen. Als er ihr erzählte, dass wir uns verlobt hatten, reagierte sie mit einer so heftigen Trauer, dass ich mich umdrehte, weil ich dachte, hinter mir sei jemand gestorben. Manchmal frage ich mich, ob ich irgendetwas an mir habe, das von Natur aus auf Elter