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Jon
Ich stehe gerade mitten auf einer Weide, blicke auf ein totes Schaf und frage mich zum dreiundfünfzigsten Mal an diesem Tag, wie es so weit mit mir kommen konnte, als mein Handy brummt und eineSMS ankündigt. Der Farmer stößt das blutige Schaf mit dem Fuß an, als wollte er das arme Tier auffordern zu bezeugen, dass es »diese verdammten Zigeuner und ihre verdammten Hunde« waren, die ihm die Speiseröhre aus der Kehle gerissen haben. Ich sage mir, dass das hier meine zweite Chance ist. Dass ich froh sein kann, diesen Job zu haben und damit die Möglichkeit, meinen Sohn Jacob weiterhin zu sehen. Nicht jeder bekommt eine zweite Chance. Während Mr Leeson, der Farmer, sich über sein im Matsch liegendes Schaf beugt, schiele ich rasch auf mein Telefon. Ich hatte auf eine Nachricht von Jacob – Jakey – gehofft, aber der Name auf dem Bildschirm warBen.
Noch vor einem halben Jahr wäre eineSMS von Ben nichts Bemerkenswertes gewesen. Da hätte ich allerdings auch nicht auf einer sumpfigen Weide gestanden und auf ein totes Schaf gestarrt, weil ich da nämlich noch mit echtem investigativem Journalismus beschäftigt gewesen wäre. Das letzte Mal, dass ich Ben sah, war auch das letzte Mal, dass ich etwas geschrieben habe, das ich mir selbst ausgesucht habe. Er ist ein sympathischer Kerl, freiberuflicher Fotograf, und hat die Fotos zu dem Artikel gemacht, der mich auf Umwegen hierhergeführt hat, zu dieser Weide an diesem nasskalten Tag Anfang Juni, zu Mr Leeson und seinem toten Schaf.
»Also, woll’n Se jetzt mit denen reden oder was?«, fragt der Farmer und zeigt sein geschwärztes Zahnfleisch, das selbst wie ein Ort des Verbrechens aussieht.
Ich schiebe mein Handy zurück in die Hosentasche. »Entschuldigung, Mr Leeson, mit wem soll ich reden?«
»Mit diesen Zigeunern da … diesen Fahrenden oder wie ihr die nennt. Woll’n Se jetzt mit denen reden, oder bleibt das an mir und meiner Schrotflinte hängen?« Er nimmt die Schiebermütze ab und streicht sich mit seiner schmutzigen Hand über die fettigen Haare. Ich habe den Eindruck, dass er auf die zweite Möglichkeit hofft.
»Wie wär’s, wenn ich jetzt erst mal mit meinem Chefredakteur wegen einer möglichen Story rede, und dann sehen wir …«
»Sie ham die ganze verdammte Story hier vor Ihrer Nase.« Wieder tritt er mit seinem schweren Stiefel gegen den Kopf des Schafs. Ich wünschte, er würde damit aufhören. Das Tier ist zwar tot, aber seine Augen stehen noch offen, und der Stiefel ist schmutzig. Es fängt wieder an zu regnen.
»Ich hab gehört, Sie sind aus London«, bemerkt Mr Leeson mit einer mir inzwischen vertrauten Mischung aus Verachtung und Mitleid. Das »arme Sau« klingt unausgesprochen am Ende mit. Ich will jetzt nicht darüber reden. Den Leuten zu erklären, dass ich meiner Frau und meinem Sohn zuliebe hierher nach Cornwall gezogen bin auf der Suche nach