: Jean M. Twenge
: Mein Kind, sein Smartphone und ich Warum es so wichtig ist, die neue Generation zu verstehen
: Goldmann Verlag
: 9783641262167
: 1
: CHF 3.60
:
: Gesellschaft
: German
: 480
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Sie sind zwischen 1995 und 2005 geboren und damit die erste Generation, die schon im Jugendalter ein Smartphone besitzt. Sie verbringen Stunden in sozialen Netzwerken und mit dem Schreiben von Kurznachrichten, sehen ihre Freunde aber seltener von Angesicht zu Angesicht. Sie sind toleranter, drehen sich jedoch mehr um sich selbst. Sie werden langsamer erwachsen und haben ein höheres Sicherheitsbedürfnis. Anhand von zahlreichen Interviews zeichnet die Psychologin Dr. Jean M. Twenge ein erhellendes Bild dieser neuen Generation und verdeutlicht, warum es für uns alle wichtig ist, sie zu verstehen. Denn sie werden es sein, die unser aller Zukunft prägen.

Dieses Buch erschien bereits 2018 unter dem Titel »Me, my Selfie and I« im Mosaik Verlag.

Dr. Jean M. Twenge ist Professorin für Psychologie an der San Diego State University. In Langzeitstudien erforscht sie dort die Entwicklung von Generationen. Ihr Buch »Generation Me« über die Millenials war 2006 in den USA ein großer Erfolg. Sie lebt mit ihrem Ehemann und drei Töchtern in San Diego, USA.

KEINE EILE
Erwachsen werden – aber langsam


An einem hellen Herbstnachmittag komme ich an einer Highschool in der Nähe von San Diego an und gehe zu dem Raum, wo Psychologie unterrichtet wird. Der Lehrer erinnert die Schüler daran, dass sie am kommenden Montag eine Prüfung haben und sagt ihnen, heute sei für sie ein »Arbeitstag«, um ihre Notizen und ihr Lernpensum zu organisieren. Wir rücken zwei Tische in den überdachten Durchgang vor dem Klassenzimmer, und der Lehrer kontrolliert die Einverständniserklärungen der Eltern.

»Azar«, sagt er, und ein Mädchen mit langen dunklen Haaren streckt die Hand in die Höhe und sagt: »Ja!«

Azar strahlt ungebrochene Begeisterung für alles aus. Sie spricht in dem schnellen Singsang, den viele südkalifornische Teens bevorzugen. »Haben SieSpy gesehen? Der ist ja soo toll«, schwärmt sie. Als ich sie frage, ob sie derzeit im Radio einen Lieblingssong hat, meint sie: »Ja. ›Wildest Dreams‹ von Taylor Swift, ›Blank Space‹ von Taylor Swift, und ›Bad Blood‹ von Taylor Swift.« »Du magst also Taylor Swift?«, will ich wissen. »Na ja, das würde ich so nicht sagen – ich habe mir nur all ihre Songs gemerkt«, ist ihre Antwort. Als ich sie frage, was sie gerne liest, meint sie: »Harry Potter ist mein Leben – ich liebe ihn.« Sie erzählt mir, dass sie noch keinen Führerschein hat, weshalb ihre Mutter sie zur Schule fährt.

Angesichts ihrer Fixierung auf Taylor Swift und ihrer Liebe zu Harry Potter sowie der Autofahrten, die ihre Mutter für sie macht, könnte man annehmen, dass Azar 14 Jahre alt ist. Tatsächlich ist sie 17.

Azar wird nur langsam erwachsen, sie braucht länger, um die Verantwortung und die Freuden des Erwachsenwerdens anzunehmen. Man möchte glauben, sie sei eine Ausnahme. Bei all den Pornos im Internet, sexy Halloween-Kostümen für junge Mädchen, den Jungen aus der siebten Klasse, die Aktfotos von ihren Klassenkameradinnen haben wollen, und weiteren frühreifen Trends, die Aufmerksamkeit erregen, denken viele Leute, dass Kinder und Teens heute schneller erwachsen würden als früher. »Die Kindheit ist vorbei. Sie haben Zugang zu dieser Welt der Erwachsenen und glauben, daran teilhaben zu müssen«, beklagte sich jüngst der Schulleiter einer Middleschool aus Brooklyn. Viele glauben, dass die Teenager tatsächlich schneller als je zuvor in Richtung Erwachsensein streben. Aber stimmt das wirklich?

(Nicht) Ausgehen und (nicht) miteinander rummachen


Als ich am Freitagabend an die Tür des gepflegten Vorstadthauses klopfe, öffnet die 14-jährige Priya. Sie ist eine hübsche indischstämmige Amerikanerin mit langen Haaren und Haarspangen. Sie hat vor einigen Monaten ihr erstes Jahr an der Highschool in einem Vorort am nördlichen Stadtrand von San Diego begonnen. Ihre Mutter bietet mir ein Glas Eiswasser an, als wir an ihrem Esszimmertisch sitzen, neben Priyas Schulbüchern und ihrem pinkfarbenen Taschenrechner. Mit ihren Leistungskursen hat Priya bereits eine ziemliche Arbeitslast zu schultern. Ich frage sie, was sie mit ihren Freunden zum Zeitvertreib anstellt. »Manchmal machen wir Pläne und gehen einen Film anschauen oder so was … oder wir gehen mal abends zum Essen aus«, meint sie. Das