: Penny Vincenzi
: Der Glanz vergangener Tage Roman
: Goldmann Verlag
: 9783641261740
: 1
: CHF 2.70
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 832
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
England 1939: Als die junge, aus einfachen Verhältnissen stammende Grace den wohlhabenden Charles Bennett heiratet, steht die Zukunft ihrer Ehe bereits auf dem Spiel. Charles kümmert sich wenig um sie, und Grace fühlt sich unwohl in der feinen Gesellschaft seiner herablassenden Schwester Florence und der attraktiven Clarissa. Doch dann ziehen ihre Männer in den Krieg. Im Sturm, der um sie tobt, werden Grace, Florence und Clarissa allmählich zu Freundinnen, und Grace verliebt sich in den Soldaten Ben. Doch hin und her gerissen zwischen Schicksalsschlägen, Liebe und Verrat muss sich bald jede der drei Frauen fragen, ob sie ihrem Herz folgen darf …

Penny Vincenzi (1939 – 2018) zählt zu Großbritanniens erfolgreichsten und beliebtesten Autorinnen. 1989 erschien ihr erster von insgesamt 20 Romanen, die sich weltweit über 4 Millionen Mal verkauften. Sie gilt als »Königin des modernen Blockbusters« (Glamour).

KAPITEL 2


Sommer 1938


Grace begann zu denken, dass sie sich verliebt haben könnte.

In letzter Zeit hatte sie viele Liebesromane gelesen, einschließlich des Buchs, das gerade in aller Munde war –Vom Winde verweht –, um die Gefühle der Heldinnen mit ihren zu vergleichen. SogarJane Eyre hatte sie noch einmal gelesen. Und obwohl sie für Charles nicht dieselbe wilde Leidenschaft zu empfinden vermeinte wie Scarlett O’Hara für Ashley Wilkes oder Jane für Mr Rochester, verspürte sie doch eine Reihe ganz neuer Gefühle: eine gewisse Sehnsucht kurz vor einem Wiedersehen; ein schönes, warmes Glücksgefühl, wenn sie zusammen waren; eine sonderbare, atemberaubende Zärtlichkeit, wenn er ihre Hand hielt und sie einfach wortlos anschaute. Sie ließ sich auch gern von ihm küssen. Es war so viel schöner als mit ihren anderen Freunden, wo sie es, wenn sie ehrlich war, immer ein bisschen ekelhaft gefunden hatte, vor allem wenn die Zunge ins Spiel kam.

Bei Charles war das ganz anders. Sein Mund war fest und stark, und sie merkte, dass ihr eigener Mund fast unbewusst darauf reagierte. Nicht nur ihr Mund, sondern ihr ganzer Körper. Sie fühlte sich gewärmt und eingehüllt und irgendwie weicher. Ihm schien es genauso zu gehen. Hinterher löste er sich von ihr, auf dem Wagensitz oder im langen Gras oben an der Burgruine, die ihr besonderer Ort geworden war, und schaute sie einfach nur an. Und wenn sich sein Blick forschend in ihrem versenkte, spürte sie, mehr noch als beim Küssen, eine wunderbar fließende Zärtlichkeit und noch etwas anderes, Stärkeres, merkwürdig Körperliches, eine Regung tief in ihrem Innern. So fühlte es sich vielleicht an, nur stärker, wenn manes tatsächlich tat, wie sie es in der Schule bei den einschlägigen Gesprächen immer genannt hatten. In jüngster Zeit dachte sie oft daran, es zu tun. Zum ersten Mal konnte sie sich vorstellen, es wirklich zu wollen, und die stockenden, verlegenen Erläuterungen ihrer Mutter (wenn sie mehr als ein Glas Sherry getrunken hatte) füllten sich allmählich mit Sinn.

Charles hatte ihr natürlich nie seine Liebe gestanden. Sie wusste nur, dass er, wenn sie zusammen waren, sehr romantisch sein konnte. Die Sache war aber schon von Beginn an ziemlich unberechenbar gewesen, gelinde gesagt. Da waren die ersten trostlosen Tage nach der Tennispartie, als sie sich ganz sicher war, dass sie nie wieder etwas von ihm hören würde, weil sie viel zu langweilig und stillos für ihn war. Und dass er sie vermutlich nur eingeladen hatte, weil jemand anders ausgefallen war. Dann klingelte am Donnerstag plötzlich das Telefon, und er war dran.

»Hallo«, sagte er, »hier ist Charles Bennett«, als müsse er ihr erst auf die Sprünge helfen. »Ich wollte fragen, ob Sie Lust hätten, sich am Freitag einen Film anzuschauen.« Für den Bruchteil einer Sekunde überlegte sie, ihm zu sagen, dass sie da schon etwas vorhatte, schließlich hieß es immer, man würde einen Mann nur abschrecken, wenn man stets Zeit für ihn hatte. Ihr war aber selbst klar, dass sie das nicht übers Herz brachte, dah