: Christian Carayon
: Und bedenke das Ende Kriminalroman
: btb Verlag
: 9783641202880
: 1
: CHF 3.60
:
: Spannung
: German
: 512
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Gespenster der Vergangenheit und ein abgelegenes Bergdorf in Südwestfrankreich.
Ausgezeichnet mit dem Prix polar historique.


Frankreich, 1924. Eine Reihe mysteriöser Todesfälle erschüttert La Vitarelle-du-Théron, ein abgelegenes Bergdorf in den Cevennen. Ein Bauernknecht stürzt bei dichtem Nebel in die tiefe Schlucht des Pas-du-Diable. Bald ist ein weiteres Opfer zu beklagen. Geschichten von bösen Geistern machen die Runde. Die junge Lehrerin Camille will dem Spuk nicht länger hilflos zusehen. Sie ruft einen alten Freund und Vertrauten zu Hilfe: Martial de la Boissière, einen wohlhabenden Privatier aus Toulouse mit einer scharfen Beobachtungsgabe und einem Faible für Kriminalistik. Am Steuer seines funkelnagelneuen, knatternden Autos trifft er in La Vitarelle-du-Théron ein und nimmt unverzüglich seine Ermittlungen auf.

Christian Carayon, 1969 geboren, ist Autor mehrerer preisgekrönter Kriminalromane. Er stammt aus dem Südwesten Frankreichs und lebt heute im Loiretal, wo er als Geschichtslehrer tätig ist.

Prolog


»Hahnrei!«

Da stand er, auf dem mit Kreidestaub bedeckten Podest, und seine Arme hingen herab, als wären die Schultern in dem blauen Kittel plötzlich geschmolzen. Er war bleich geworden, so bleich, dass die Gesichtszüge wie ausgelöscht wirkten. Sein Blick verriet eine gewisse Panik, vermutlich sogar Angst. Er hatte den Angriff nicht kommen sehen. Die Wunde schien tief zu sein. Die meisten in der Klasse glaubten einen Moment lang, dass er sie nicht überleben würde. Es herrschte auf einmal Totenstille. Und das war so ungewöhnlich, dass sie umso bedrückender war. Doch der Lehrer fing sich. Sein Gesicht wurde zur gewohnten unbewegten Maske, sein Blick wieder fest, die Schultern richteten sich auf, und die Arme hingen nicht mehr schlaff herunter. Wie all die anderen Male, wie all die Jahre hindurch würde er so tun, als sei nichts geschehen. Das dachten alle. Und sie irrten sich.

Seine Augenfarbe kippte ins Orange, sein Mund verzerrte sich, seine Hände schlossen sich zu Fäusten. Mit einer Geschwindigkeit, die keiner ihm zugetraut hätte, sprang er von dem Podest. Er stürzte sich auf den Schüler, der den tödlichen Pfeil abgeschossen hatte. Packte ihn am Kragen und hob ihn von seinem Stuhl.

»Was haben Sie gesagt? Was haben Sie gesagt?«

Seine Stimme hatte sich verändert. Sie klang tief, bedrohlich, böse. An dem Tag glaubten die Schüler tatsächlich, der Lehrer werde Martial de la Boissière schlagen oder erwürgen. Martial hatte ebenfalls Angst. Doch er meinte im Blick dessen, der ihn gepackt hielt, einen flüchtigen Blitz zu erkennen, den Blitz der Einsicht, die sich wieder einstellte. Daher rührte er sich nicht, ein regloser Hampelmann in den ausgestreckten Armen des Lehrers. Er lächelte sogar, um die Beleidigung noch zu verstärken. Der Lehrer ließ es dabei bewenden. Da er sich der Lächerlichkeit der Situation bewusst wurde, ließ er seinen Schüler los und wandte den Kopf zur Klasse. Die Verblüffung wich der Belustigung. Und die Belustigung verwandelte sich in Spott. Und sie wiederholten das gemeine Wort, das Martial dem Geschichtslehrer ins Gesicht geschleudert hatte, im Chor.

Drei Wochen waren seit dem ersten Schultag des Jahres 1909 vergangen. Soweit die Schüler sich erinnern konnten, war dies das einzige Mal, dass man den Lehrer Purseau die Beherrschung verlieren sah. Es dauerte nur eine Minute oder zwei, bis er wieder zur Besinnung kam und auf sein Podest zurückkehrte, um mit dem Unterricht zu beginnen.

Er hieß Charles Purseau. Ein Name, der für mehrere Generationen von Schülern, die zwischen 1886 und 1913 das nationale Lycée in Toulouse besuchten, schicksalhaft war. Geschichtslehrer, wie gesagt, Zweiter bei der Staatsprüfung für Gymnasiallehrer 1882. Ein brillanter Student, dem eine große Zukunft an der Universität offenstand; er galt als asketisch, ganz und gar seiner Leidenschaft für die alten Kulturen hingegeben, ein Einzelgänger, der inmitten seiner Bücher in die letzten Winkel der Bildung vordrang. Man sah in ihm eine künftige Koryphäe der Wissenschaft, lud ihn zu allen Tagungen ein, zitierte ihn in allen Fachpublikationen. Doch er enttäuschte.

1886 trat Charles Purseau seine Stelle am Lycée in Toulouse an, und er verließ es erst, als er aufgrund seiner angegriffenen Gesundheit in den vorgezogenen Ruhestand ging. An die Universität keh