: Jenny Quintana
: Lost Sister Nichts ist schlimmer als die Wahrheit - Roman
: Goldmann Verlag
: 9783641255848
: 1
: CHF 3.60
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 352
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Anna kann den Tag nicht vergessen, an dem ihre Schwester spurlos verschwand. Auch nach dreißig Jahren nicht. Die Lücke, die Gabriella hinterließ, ist einfach zu groß. Die Familie brach über dem Verlust auseinander, und Anna floh so weit fort, wie es nur ging. Nun ist sie zurück, um nach dem Tod ihrer Mutter deren Angelegenheiten zu regeln. Doch je länger Anna sich in ihrer Heimatstadt aufhält, desto größer wird ihre Obsession herauszufinden, was damals wirklich geschah. Dabei ahnt sie nicht, dass die Wahrheit schlimmer und gefährlicher ist als jede Ungewissheit ...

Aufgewachsen in Essex und Berkshire ging Jenny Quintana für ihr Studium der englischen Literaturwissenschaft nach London. Dort und später auch in Athen und Sevilla arbeitete sie als Englischlehrerin, bevor sie mit ihrer Familie zurück nach Berkshire zog. »Lost Sister« ist ihr erster Roman.

1


Der Zug hielt hundert Meter vor dem Bahnhof. Eine Stimme kündigte eine kurze Verzögerung an. Die Leute um mich herum murrten, reckten an den Fenstern die Hälse und fragten sich, wie lange wir wohl hier festsitzen würden. Ich schloss die Augen, atmete tief ein und wieder aus, bog und streckte die Finger und pustete mir auf die Handteller. Sie taten weh, und mir ging auf, dass ich die ganze Strecke von Paddington bis hierher die Fäuste geballt hatte, sodass die Fingernägel meine Haut gekerbt hatten.

Draußen die vertrauten Wahrzeichen: viktorianische Häuser mit chaotischen Anbauten; ein schmales Stück Ödland, das sich neben den Gleisen entlangzog. Früher hatten Jungs es für ihre Mutproben genutzt; Vandalen hatten auf der Böschung Feuer gelegt. Jetzt war die Strecke abgezäunt. An Hecken hingen Plastiktüten, das Gras war mit leeren Flaschen übersät. Es war Herbst, doch von den üblichen Anzeichen war nichts zu sehen: keine Bäume, kein kupferrotes Laub, keine blassen Goldtöne. Der Ort war schmucklos. Deprimierend und still.

Vor ein paar Tagen war ich noch in Athen gewesen und hatte in der Oktobersonne Kaffee getrunken. Mein Handy hatte geklingelt, eine Stimme hatte sich gemeldet, und ich hatte Rita erkannt – die beste Freundin meiner Mutter. Es war die Art, wie sie meinen Namen, Anna Flores, gesagt hatte; wie sie das »r« gerollt hatte; wie sie die Stimme gesenkt und erklärt hatte, woran meine Mutter gestorben war. Ein Schlaganfall. Wann ich nach Hause kommen könne?

Rita hatte über die Beerdigung gesprochen und mich um meine Meinung gebeten: Eier mit Kresse oder Lachs mit Gurke; »Herr aller Hoffnung« oder »Bleib bei mir, Herr«. Ihre Worte hatten überhaupt nicht zu dem Souvlaki-Duft gepasst, der aus einem Restaurant herüberwehte, und zum Klang der einsamen Stimme, die in einer Bar sang. Hinterher hatte ich eine Ewigkeit weinend dagesessen und das Gefühl gehabt, der traurigsten Musik der Welt zu lauschen.

Der Zug ruckte an und kroch vorwärts. Die Fahrgäste rührten sich unter erleichtertem Gemurmel. Ich zog meine Jeansjacke an, hantierte mit meiner Tasche, überprüfte, ob alles da war, wo es hingehörte: Portemonnaie, Handy, Lippenstift, Givenchy-Fläschchen, Foto von meiner Mutter, Foto von Gabriella. Ein Mann im Regenmantel griff nach seinem Koffer. Ich folgte seinem Beispiel und hob meinen herunter.

Ein paar Leute stiegen mit mir aus. Ich sah ihnen nach, wie sie die Treppe hinauf- und über die Fußgängerbrücke eilten, sich mit ihren Fahrkarten und ihrem Gepäck abmühten. Ich stellte meinen Koffer ab, zog den Griff heraus und hielt inne, um mich umzusehen. Es hatte sich nicht viel geändert. Der leere Warteraum. Die kaputte Sitzbank. Die Überwachungskameras. Wann waren sie angebracht worden? Zu spät, um Gabriellas Abfahrt festzuhalten oder klarzustellen, was wirklich beobachtet worden war.

Drei Jahre. So lange war das her. Ein Boxenstopp, bevor ich nach Griechenland gegangen war, obwohl ich meine Mutter seither noch einmal gesehen hatte, als sie am Tag vor meinem endgül