: Meddi Müller, Iris Rösner, Andreas Heinzel, Tim Frühling, Daniel Holbe, Ivonne Keller, Susanne Reich
: Ein Viertelstündchen Frankfurt - Band 3 Kurzgeschichten von bekannten Autoren aus der Region, im Wechsel mit Texten zu Stadtgeschichte und Moderne
: Charles Verlag
: 9783948486013
: 1
: CHF 8.90
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: Anthologien
: German
Warum man besser zum Augenarzt geht, bevor man seine Liebe am Eisernen Steg beendet, weiß Iris Rösner, weshalb eine Radtour um Frankfurt eine wunderbare Idee ist, erfährt man von Andreas Heinzel und wieso Frankfurt einen neuen König benötigt, weiß Meddi Müller. Woher die Straßen ihre Namen haben, erklärt Tim Frühling und wie hart umkämpft der Frankfurter Wohnungsmarkt ist, erzählen uns Ivonne Keller und Daniel Holbe in ihrer Geschichte. Susanne Reichert löst endlich das Nilgans-Problem und Eva Lirot zeigt uns, wie ein Auftragskiller seiner Arbeit nachgeht. Ralf Schwob bejubelt nochmal den Pokal und Lutz Ullrich erklärt uns, warum eine Tiefkühltruhe nicht immer die beste Wahl ist. Zwischen all dem erfahren Sie Wissenswertes und Erstaunliches über unsere wunderbare Stadt am Main. Eine Menge Stoff, denken Sie? Das packe ich nie! Kein Problem ... alle Texte sind innerhalb einer Viertelstunde lesbar und es fehlt dabei an nichts. Ein Buch, das von Frankfurtern für Frankfurter und welche, die gerne Frankfurter sein wollen, geschrieben wurde oder für diejenigen, die ihren Freunden und Verwandten Frankfurt ein kleines Stückchen näher bringen möchten.

Auf das Leben!

Eine Kurzgeschichte von Iris Rösner

»Tu es nicht«, ruft eine tiefe Baritonstimme. Mit langen Schritten läuft ein großgewachsener Mann mit dunklen, gepflegten Haaren über den Eisernen Steg. »Da unten liegt bereits genug Müll und als Fischfutter eignet er sich nicht.«

Alex lässt den Arm sinken. Der goldene Ehering wiegt schwer in seiner Hand. Unter ihm fließt der Main, auf dem zwei Schwäne treiben. Im strahlenden Sonnenlicht flanieren frisch verliebte Pärchen, küssend und Händchen haltend, an ihm vorbei.

»Was machst du hier?«, fragt Kai ihn vorwurfsvoll. »Eben saßen wir noch im ›Atschel‹ und plötzlich warst Du verschwunden. Ich dachte, heute lassen wir die Sau raus. Du bist wieder frei. Ein Grund zum Feiern!«

Direkt vor ihm kommt Alex’ bester Freund, im Business­-Outfit unter dem Trenchcoat gekleidet, zum Stehen.

»Ich musste an die frische Luft. Nachdenken.«

»Und hast mich mit der Zeche hängen lassen.«

Alex betrachtet den Ring in seiner mit Schwielen übersäten Hand. Das Schmuckstück ist gerade einmal vier Jahre alt. Länger hat seine Ehe nicht gehalten. Dann ist Kim ihrer »wahren Liebe über den Weg gelaufen. Das musst du doch verstehen, Alex«, klingen ihm die Worte seiner Ex-Frau noch in den Ohren. Alex lehnt seinen muskulösen Ober­körper an die schmiedeeiserne Konstruktion der Brücke. Seit 1869 befindet sich an dieser Stelle der Eiserne Steg, 1912 vergrößert, nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut und 1993 grundlegend saniert.

Unter seinen schwarzen Schuhen spürt er die Schwingungen der Brücke. Der Eiserne Steg ist nicht nur ein beliebtes Fotoobjekt bei Touristen, um die Frankfurter Skyline optimal in Szene zu setzen. Auch Verliebte flanieren über die Brücke, um ein Schloss mit ihren Initialen am Geländer zu befestigen. Und anschließend landet der Schlüssel im Main. Kai hat recht, da unten liegt bereits genug Müll.

Alex reißt sich die Krawatte vom Hals und öffnet den obersten Hemdknopf. Hinter dem Dom, der von der Brücke aus zu sehen ist, liegt der Frankfurter Römer mit seinem Standesamt. Dort hatte er »Ja« zu Kim gesagt. Anschließend hängten sie ihr Schloss an das Frankfurter Wahrzeichen und versenkten den Schlüssel.

»Ich hasse diese verlogenen Schlösser. Gaukeln einem die ewige Liebe vor. Doch nur einen Flugkapitän später ist die Ehefrau weg.«

Zornig tritt Alex gegen die vollgehängten Streben der Brücke. Dabei trifft er den Eisenpfeiler und flucht lautstark, während er auf einem Bein auf und ab hüpft. Kai legt ihm den Arm um die Schulter und zaubert aus der Jackentasche einen Flachmann.

»Nimm einen Schluck und entspann’ dich. Was glaubst du, wie viele dieser einst romantischen Liebesbeziehungen heute noch Bestand haben?«

Alex setzt den Flachmann ab, kratzt sich am roten Vollbart und schiebt nachdenklich die Brille nach oben.

»Du hast recht. Ich wette mit dir, dass mehr als die Hälfte dieser Schlösser im Rausch der ersten Verliebtheit aufgehängt worden sind.« Zornig stampft er mit dem Fuß auf: »Das sind keine Schlösser der ewigen Liebe. Das sind Lügenschlösser.«

»Reg dich nicht auf, nur wei