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Frischauf zu neuen Taten
Um fünf Uhr früh fielen die ersten Sonnenstrahlen auf den St George’s Square. In Huddersfield in Yorkshire brach im Juli 2016 ein neuer Sommertag an.
Das sanfte Morgenlicht erhellte die Bronzestatue in der Mitte des Platzes und die Skulpturen auf den umliegenden Dächern: Lady Britannia, die ihren Dreizack schwang, und die lockenmähnige Großkatze, die über das Lion Building stolzierte. Das markante Gebäude stand unter Denkmalschutz, was in dieser historischen Stadt aber nichts Ungewöhnliches war: Über zweihundert denkmalgeschützte Bauten gab es in Huddersfield – die höchste Zahl in ganz Yorkshire –, und die aufgehende Sonne tauchte sie alle in ihr goldenes Licht.
Es war noch recht friedlich in der Stadt zu dieser frühen Stunde, und nur hier und da zeigten sich erste Lebenszeichen: der Fahrer eines Lieferwagens, der mit Warnblinker hielt und seine Fracht auslud, und ein Grüppchen angeschlagener junger Männer, deren wackeliger Zickzackgang verriet, dass sie eine durchzechte Nacht hinter sich hatten. Auf ihrem Sitz unter einem Wellblechdach regte sich gurrend eine Taube. Eine große schwarze Krähe schwang sich in die Luft. Und während eine wachsame Katze durch ihr Revier patrouillierte, schnippte ihr flauschiger schwarzer Schwanz mit weißer Spitze stetig hin und her.
Felix, daheim auf Bahnsteig 1
© Alan Hind
Die kräftiger werdenden Strahlen der aufgehenden Sonne erfassten auch eine Handvoll einzelner Personen, die über den zur Fußgängerzone umgewidmeten Vorplatz des Bahnhofs eilten: ein Mann mittleren Alters im dunklen Anzug und mit Aktentasche, eine muntere junge Frau im pink-schwarzen Sport-Outfit und eine Schwangere im Sommerkleid mit einem großen Rollkoffer. Die unterschiedlichsten Leute zog es geradezu magnetisch hin zu dem wohl eindrucksvollsten denkmalgeschützten Gebäude von allen: dem Bahnhof Huddersfield. Er befand sich an der Stirnseite des St George’s Square, direkt vis-à-vis dem steinernen Löwen, und schien dem heraufdämmernden Tag mit einer Verlässlichkeit entgegenzusehen, die aus jahrhundertelanger Dienstbarkeit herrührte.
Das prächtige, 1850 fertiggestellte Gebäude verfügte über einen spektakulären klassischen Portikus mit majestätischen korinthischen Säulen, die sich entlang der gesamten, 127 Meter messenden Fassade erstreckten. Seine Sandsteinmauern schimmerten im Sonnenlicht und wirkten dabei ebenso einladend wie die vor Kurzem erst geöffnete blaue Tür des Haupteingangs. Zuverlässig wie der Lauf der Sonne, öffnete der Bahnhof Huddersfield allmorgendlich um Punkt fünf Uhr seine Pforten, und auch an diesem Tag lief dort wieder alles wie am Schnürchen.
Und so eilten die Fahrgäste weiter, die Freitreppe hinauf und in das Bahnhofsgebäude hinein, verschlafen dreinblickend oder frisch wie der junge Frühling, und allesamt fest entschlossen, ihr Fahrtziel zu erreichen. Ein Mann gähnte herzhaft, als er das Gebäude betrat, und strich sich dann müde den schwarzen Vollbart glatt. In aller Herrgottsfrühe hier unterwegs zu sein hatte nicht allzu viele Vorteile … aber einen davon sollten diese Fahrgäste sehr bald entdecken.
Hätten sie sich umgeschaut, hätten sie durchaus einige Anzeichen dafür bemerken können. Ein buntes Tütchen Dreamies-Snacks, das dem Mitarbeiter der Bahngesellschaft TransPennine Express (TPE), der an diesem Morgen an den Zugangssperren postiert war, aus der Tasche ragte … Ein fischförmiges, gelb-rot gepunktetes Spielzeug auf dem Boden der Bahnhofshalle … Und was war das da in der Ecke? Das Ding mit der Schwarz-Weiß-Zeichnung drauf und den fünf violetten Buchstaben über der Öffnung darin? War das etwa … eine Katzenklappe? In einemBahnhof?
Jene, die Bescheid wussten, hielten auf ihrem Weg zum Bahnsteig die Augen offen und passierten die Zugangssperren mit einer gewissen Enttäuschung darüber, dass sie noch nicht erblickt hatten, was sie zu sehen hofften. Frühmorgens war sie meist am Haupteingang zur Stelle, um die Fahrgäste in Empfang zu nehmen, an diesem Morgen aber nicht. Oft ließ sie sich auch an einem der fünf Fahrkartenschalter gleich links daneben nieder, doch die öffneten erst um 5.45 Uhr, und daher war sie dort noch nicht im Dienst. Die Fenster der Schalter waren mit weißen Jalousien verhangen, was ihre Abwesenheit noch zusätzlich betonte.
Man sah förmlich, wer in das schlecht gehütete Geheimnis eingeweiht war und wer nicht. All jene, die durch die Sperren strömten und dabei nur auf die Anzeigetafeln achteten, gehörten nicht zum Kreis der Eingeweihten. Jene aber, die sich langsamer fortbewegten und dabei hin und her schauten, wussten, wonach sie suchten. Diese Leute boge