Hubert Katzmarz
Baumschulung
Auf der Frischluftparty wurde er mir als Mann mit dem grünen Daumen vorgestellt. »So sagte man früher«, erklärte die Gastgeberin, und schon hatte sie mich weitergereicht durch die Runde der Geburtstagsgäste. Bei einer allein stehenden jungen Dame erkundigte ich mich nach dem Namen.
»Eva«, sagte sie.
»Aha, Eva.« Mein Charme drängte zu ihr und stand mir dabei im Wege. »Wie Adam, nicht wahr.« Sie lachte trotzdem, und der Abend schien gerettet zu sein.
Die Bemerkung vom grünen Daumen wollte mir nicht aus dem Sinn. Ich hatte sie schon mal gehört – vielleicht bei meiner Mutter, wenn sie sich an frühere Zeiten erinnerte.
Eva tat alles, um meine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Sie erzählte von sich in einem fort, nicht ohne auffällig oft meinen Arm zu berühren. Später tanzten wir. Der Mann mit dem grünen Daumen suchte Evas Nähe und ließ sich nicht abschütteln. Ich ärgerte mich darüber, so daß ich die Gelegenheit nicht nutzte, ihn nach seinem seltsamen Titel zu fragen. Als der Höhepunkt des Abend kam, hatte sich Eva eindeutig für mich entschieden. Sie wimmelte den Mann mit dem grünen Daumen ab und hakte sich bei mir ein.
Musik und Gespräche waren verstummt. Die Gastgeberin händigte uns Anzüge und Flaschen aus. Wir nahmen die Sachen, ein jeder mit sich selbst beschäftigt. Dann wurde die Balkontür geöffnet, und wir traten hinaus.
Es gab keine Sterne am Himmel, nur ein allgegenwärtiges schwaches Leuchten, das man mehr ahnen als sehen kann, das einen niederduckt, auf kleine Risse im Anzug lauert, um hineinzukriechen und uns die Lungen zu verätzen. Ich tat einen langen Atemzug aus der Sauerstoffflasche, das Gesicht Evas konnte ich hinter ihrer Maske nicht erkennen. Ich konnte nicht erkennen, was sie dachte, was sie fühlte. Mein Blick glitt hinüber zum nächsten Wohnturm, wo unzählige Lichter durch das schlierige Schwarz blinkten. Ob dort auch Leute eine Frischluftparty feiern, auf dem Balkon stehen und über den Abgrund zu uns her starren? Unten die Erde im Schein der Wohntürme: sandig, rissig, kahl. Ich wußte aus dem Fernsehen, daß hinter dem nächsten Wohnturm wieder Erde kommt: sandig, rissig, kahl, und wieder ein Wohnturm und wieder Erde – bis zum Meer, das eine träge schwappende Emulsion ist. Eva trat dicht zu mir, faßte meine Hand; ich konnte ihre Wärme durch das dichte Gummi nicht spüren.
Plötzlich beugte sich der Mann mit dem grünen Daumen über die Balkonbrüstung, riß die Maske vom Gesicht und schrie: »Ich kotze auf dich, du verfluchter, toter Stern, hörst du, ich kotze auf dich!« Sein Schrei ging in Röcheln und Würgen unter. Dann kotzte er tatsächlich hinab auf die Erde.
Schnell hatten ihn einige Männer gepackt, schleppten ihn zurück in die Wohnung und brachten ihn ins Schlafzimmer. Unsere Gastgeberin verschloß die Balkontür. Sie stellte die Klimaanlage auf Hochleistung, das saugte die Frischluft rasch ab. »Ich bin Arzt, laßt mich zu ihm«, sagte ich, als ich das Schlafzimmer betrat.
Der Mann mit dem grünen Daumen lag jetzt still da, aber sein Atem ging schwer und rasselnd. Sein Gesicht war blaß; morgen schon würde es krebsrot sein und mit Pusteln übersät, eine schmerzhafte, doch harmlose Angelegenheit. Für ernsthafte Schäden hatte er sich nicht lange genug der Frischluft ausgesetzt. »In den nächsten drei Wochen sollten Sie das Rauchen bleiben lassen«, riet ich ihm. Er nickte. Ich ging zurück zum Wohnzimmer, er brauchte eine Weile Ruhe.
Bei der Party wollte keine rechte Stimmung mehr aufkommen. Man hatte die Sauerstoffflaschen und Gummianzüge weggeräumt, wie um alles zu beseitigen, das an den Vorfall erinnerte. Dennoch hatten die Gespräche ihren flotten Fluß verloren, fanden immer wieder zurück zu dem Mann mit dem grünen Daumen und seinem törichten Verhalten auf dem Balkon.
Ich erkundigte mic