1.
Sechs Tage früher
22. August 1552 NGZ
Mahlia Meyun folgte der Gestalt in der dunklen Kutte. Der Bescheidene Diener Senns hatte seinen Namen nicht genannt, als er sie und Rytanaia abholte, und er hatte nur geflüstert, sodass sie seine Stimme nicht erkannt hatte. Das war nichts Ungewöhnliches – die meisten Novizen des Ordens hielten es so.
Dennoch: Diese finsteren Führer waren unheimlich, insbesondere wenn man diesen Weg zum ersten Mal ging, wie Rytanaia gerade. Mahlia betrachtete die Kranke neben ihr besorgt. Rytanaias Hände zitterten heftig, viel stärker als bei Mahlias ersten Behandlungsversuchen. Entweder hatte die Krankheit sich plötzlich verstärkt, oder sie war eine unheilvolle Verbindung mit der Angst eingegangen.
Der Sternentempel, wie die Bescheidenen Diener das Zentrum ihrer Macht nannten, lag nur noch drei Dutzend Schritte vor ihnen. Sie hatten ihn exakt zur Mittagszeit erreicht. Der Schatten der oberen Talkante teilte den Tempeleingang genau in der Mitte: Die Nordhälfte lag im Dunkeln, die südliche im strahlenden Sonnenschein. Die Trennlinie setzte sich oberhalb des Tors auf der Kuppel fort. Im Süden war der Moosbewuchs stärker als dort, wo das Licht selten oder nie hinkam.
Ein weiterer Diener trat aus dem Tunnel ins Licht. Auch sein Haupt war von einer dunklen Kapuze verborgen. Dennoch war Mahlia recht sicher, wen sie vor sich hatte. Dieser Mann war kleiner und deutlich dicker als ihr Führer. Einen solchen Leibesumfang sah man nicht oft im Tal der Gestrandeten.
»Mahlia«, sagte der Mönch fröhlich, und die Stimme beseitigte den letzten Zweifel: Das war Ukor Mathall. »So schnell hätte ich nicht wieder mit dir gerechnet.«
»Ich hatte Sehnsucht nach dir«, behauptete sie lässig. »Aber tatsächlich richtet sich mein Zeitplan nach meinen Patienten. Rytanaia geht es seit zwei Tagen wieder schlechter.«
Die junge Frau neben Mahlia nickte beklommen. Ihr Haar war genauso tiefschwarz wie das von Mahlia, aber ihre Haut war nicht sonnengebräunt und windgegerbt, sondern hell. Beinahe weiß sogar. Der starke Kontrast ließ Rytanaia noch bleicher aussehen, als sie ohnehin schon war.
Mathall blickte auf Rytanaias zitternde Hände. »Erzfieber?«, fragte er.
»Das fürchten wir.« Mahlia war froh, dass sich Rytanaia an ihre Anweisungen hielt: möglichst wenig sprechen. Anscheinend hatte die Krankheit sie Demut gelehrt. Das war wichtig, denn oft genug hatten die Bescheidenen Diener Kranke vom Sternentempel abgewiesen, die es am nötigen Respekt mangeln ließen.
»Du weißt«, sagte Mathall, »dass der Große Medost das Erzfieber nicht immer heilt?«
»Ich weiß«, bestätigte Mahlia. »Nur in den frühen Phasen, und auch dann nicht immer. Aber versuchen müssen wir es. Meine Kunst ist ohne seine Hilfe am Ende. Die Kräuter haben nicht gewirkt.«
Die Kapuze wackelte vor und zurück. Der Mönch darunter nickte. Dann wandte er sich an die Kranke. »Du kennst den Preis?«
Weil sie direkt angesprochen wurde, musste Rytanaia antworten. »Ja«, sagte sie leise. »Acht Kiepen Glimmerz.«
Wieder nickte Mathall. »Und du weißt, dass dieser Preis auf jeden Fall bezahlt werden muss, auch wenn der Große Medost dir nicht hilft?«
Rytanaia bejahte.
»Hast du acht Kiepen Glimmerz?«, fragte