Oben oder unten und vielleicht auch nur dazwischen
Vorwort von Daniel Anker
Am 20. September 2004, drei Tage nach meinem 50. Geburtstag, stand ich am Einstieg der Heckmair-Route durch die Eigernordwand. Genau dort, wo Ueli Steck bei seinen Rekorddurchsteigungen jeweils die Stoppuhr gedrückt hat; von Steck und seiner angezweifelten Besteigung der Annapurna wird im zehnten Kapitel dieses Buches noch ausführlich die Rede sein. Ein paar Meter unterhalb des Einstiegs, der durch ein paar Gedenktafeln markiert ist, hatte ich in einer Geröllrinne einen Bergsteigerstiefel aus Leder gefunden. Wem er gehörte, weiß ich nicht; vielleicht einem der vielen Verunglückten. Nun steht der Schuh in meiner Bergbibliothek. Zugegeben, ein etwas makabres Souvenir von meiner Eigernordwand-Tour.
Eigernordwandtour? Ich? Ja, klar: Ich war an der Wand, ja sogar in der Wand. Denn der Einstieg befindet sich etwas oberhalb des eigentlichen Wandfußes; ein horizontales, oft von Schnee bedecktes Geröllband führt von rechts zum Beginn des ersten und berühmtesten Weges durch die Wand der Wände. Unten in der Wand sein und dann durch sie oben ankommen: Dafür braucht es, wenigstens sprachlich, nur einen kleinen Schritt. «Ich war in der Eigernordwand» kann ich also sagen. Es ist die Wahrheit. Wo genau, wie hoch und ob bis zum Gipfel: Dazu könnte ich ja schweigen.
Oder soll ich sagen, warum ich nicht eingestiegen bin? Wenn ich mich recht erinnere, bin ich auch noch einen Meter, vielleicht zwei, hochgeklettert, wie im Juli 1974 am Einstieg zur klassischen Nordwand-Route der Großen Zinne. Aber ich hatte nie im Sinne, diese alpinistischen Extremklassiker zu klettern, aus dem ganz einfachen Grund, weil mein physisches und psychisches Können solche Touren nie erlaubt hätte. Immerhin, die Dibonakante an der Zinne und den Mittellegigrat am Eiger habe ich geschafft, so steht’s im Tourenbuch und in der Erinnerung. Natürlich könnte ich auch sagen: Ich war am Start der Heckmair, aber erstens waren die Verhältnisse schlecht (wäre möglich gewesen), zweitens war ich zu spät dran (was eigentlich richtig war) und drittens untergruben der zum Glück leere Schuh sowie der nebenan liegende rote Rucksack die Moral (stimmt nicht wirklich). Zuerst wollte ich den Rucksack auch noch als Souvenir mitnehmen, aber er war viel zu nass und zu dreckig. In Joe Simpsons BuchThe Beckoning Silence ist er im Bildteil nach Seite 148 abgebildet.
Und es wird noch viel komplizierter mit der Eigernordwand. In meinem Fall könnte ich nämlich sagen: «Ich, Daniel Anker, habe die Eigernordwand mehrmals durchstiegen, ja gar einige Erstbegehungen wie die Eigersanction gemacht.» Echt, nicht gelogen. Genauso gut kann aber der Daniel Anker, der als Erster durch die Eigersanction geklettert ist, sagen: «Ich gab 1998 erstmals die MonografieEiger – Die vertikale Arena heraus.» Stimmt – und doch nicht. Denn es gibt zwei Daniel Anker: Einen mit Jahrgang 1959, der die Nordwand mehrmals durchstiegen hat (und darüber auch schon geschrieben hat); und einen mit Jahrgang 1954, der es einmal zum üblichen Einstieg der Nordwand geschafft hat (und darüber in einem Wanderführer berichtet hat). Vereinfacht gesagt: Der eine Anker macht Erstbegehungen, der andere Erstveröffentlichungen. Wie den Wandervorschlag in die Eigernordwand.
Der erste, der es bis dorthin und jedenfalls nicht viel weiter hinaufgeschafft hatte, war ich nicht. Ein Beispiel nur: Von 1959 bis 1962 war die Nordwand Gegenstand eines Prozesses wegen übler Nachrede. Der Deutsche Hans Grünleitner hatte den Nordwand-Kenner Toni Hiebeler angeklagt, der zu Recht Zweifel geäußert hatte, ob Grünleitner zusammen mit dem Schweizer Robert Stieger die Wand am 30./31. August 1959 in 21½ Stunden Kletterzeit durchstiegen habe, wie die beiden mit Fotos zu belegen versuchten. Nur: Diese Fotos wurden alle in unmittelbarer Umgebung des Einstieges arrangiert; auf einer der Aufnahmen, die laut Grünleitner aus dem oberen Wandteil stammt, wurde gar ein Teil der Gedenktafel für die 1938 abgestürzten Italiener Bartolo Sandri und Mario Menti entdeckt! Blöd gelaufen, kann man dazu nur sagen. Die angebliche Begehung der Heckmair-Route durch die beiden «Lügenknaben» (so Hiebeler) wurde denn auch nicht anerkannt.
Genau diese Gedenktafel hielt ich bei meinem Wandfußbesuch in der Hand, da die Befestigungsschrauben durchgerostet waren. Ich hätte die Reliquie auch in den Rucksack stecken können, neben den Schuh. Das wäre dann ein unwiderlegbarer Beweis,