: Andy Kirkpatrick
: Ungekannte Freuden Über das Leben, den Tod, das Klettern und alles dazwischen
: AS Verlag
: 9783039130054
: 1
: CHF 15.90
:
: Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
: German
: 320
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Andy Kirkpatrick ist besessen - vom Klettern und vom Schreiben. Und er ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Sein neues Buch versammelt Essays zu so unterschiedlichen Themen wie Klettern, Liebe und Beziehungen, Vaterschaft, psychische Gesundheit, Medien. Es sind leichtfu?ssige Texte von oft u?berraschender Tiefgru?ndigkeit. Wir begleiten den Autor in die Einsamkeit einer Solobegehung der berühmten norwegischen Trollwand. Und nochmals beim Klettern, diesmal unter völlig anderen Vorzeichen: an der «roten Wand» Moonlight Buttress in Utah, im Rahmen einer Wohltätigkeitsaktion, Seite an Seite mit BBC-Moderatorin Alex Jones und umgeben vom Fernsehzirkus. Ein omnipräsenter Gast in Kirkpatricks Texten - wie bereits in seinem preisgekrönten Erstling «Psychovertikal» - ist El Capitan im Yosemite- Nationalpark: Mal ist er dort u?ber Wochen alleine unterwegs, dann gemeinsam mit seiner dreizehnjährigen Tochter Ella, fu?r die es die erste grosse Wand ist - ein bewegender Moment. Andy Kirkpatricks scharfe Beobachtungsgabe und sein Wortwitz sind unterhaltsam wie immer. Doch weiss er auch mit grosser Ehrlichkeit u?ber vergangene und gegenwärtige Beziehungen und Lieben zu berichten. Und schonungslos rechnet er ab, mit unserer Welt im Allgemeinen und der Welt der Berge im Besonderen.

Andy Kirkpatrick, geboren 1971, ist einer der bekanntesten Extremkletterer, Bergbuchautoren und Bergfilmer Englands. Nach einer schwierigen Jugend in einem Armenviertel der Hafenstadt Hull an der Ostküste Englands entdeckte er das Klettern als Passion und spezialisierte sich auf härteste Winterbesteigungen und Solobegehungen im technischen Stil. Als Legastheniker rang er sich seine Texte mühsam ab. Sein Erstling «Psychovertikal» (deutsch ebenfalls im AS Verlag) wurde ein Riesenerfolg und 2008 mit dem Boardman Tasker Prize ausgezeichnet. Andy Kirkpatrick lebt mit seiner Frau in Irland.

1.1
DAS LAND DES GRÜNEN INGWERS


Eines Nachts, als ich sechzehn Jahre alt war, fanden ein paar Freunde und ich eine alte Rostlaube und flohen damit aus der Stadt. Wir fuhren nordwärts zur Küste, zu einem geheimen Ort, an dessen Existenz nur wenige von uns glaubten. Vielleicht war er ein Mythos, ein bloßer Köder für die Fantasie, aber vielleicht auch nicht. Wir fuhren nordwärts, um die Wahrheit herauszufinden.

Wie die meisten Teenager wollte auch unser Fahrer – Ricky – mit seinem Fahrstil beeindrucken. Laut lachend, mit wilden Haaren, preschte er draufgängerisch über Landstraßen, eng und gewunden, während farblose, schwarz-weiße Hecken an uns vorbeirasten.

Ich saß auf dem Rücksitz, der mit Jungs und Mädchen vollgestopft war: Wir wurden durchgerüttelt, lachten, rauchten, schwatzten, fühlten die Begeisterung, den Nervenkitzel, den Taumel. Hätte sich eine erwachsene Stimme eingemischt, um uns zu bremsen, um uns zu sagen, dass wir in Gefahr waren, dass der tödliche Aufprall hinter jeder Kurve lauerte, hätten wir sie weggelacht. Wir befanden uns im Alter der Unbesiegbarkeit. Angestachelt durch die Anwesenheit der anderen flirteten wir laut und lachten über alle Bedenken bezüglich unserer Geschwindigkeit, unsere Arme schlängelten sich durch die Sicherheitsgurte hindurch, mit denen wir uns nicht anschnallten, weil das «schwul» gewesen wäre. Wir waren berauscht von den Versprechen der Nacht, von dem, was wir sehen könnten, und von den Gefahren, die uns erwarteten. Es war diese jugendliche Jagd nach Möglichkeiten, die im Großbritannien der 1980er Jahre selten geworden war und auf die sich nur jene einlassen konnten, die hart dafür gekämpft hatten.

Mit gezogener Handbremse brachte Ricky den Wagen, nach einer angeberischen Schleuderpartie, auf einem kleinen abgelegenen Parkplatz zum Stehen, Lichter und Motor waren schneller aus, als wir unseren Atem wiederfinden konnten, für die wenigen vorbeikommenden Fahrzeuge blieb alles unauffällig. Die Nacht und die Stille waren ein Schock, die einzigen Geräusche unser Atem und das Meeresrauschen.

Es war ein stockdunkles, grenzenloses Landschaftsschwarz, das nur vom schwachen Leuchten einer nahegelegenen Küstenstadt in seiner Totalität durchbrochen wurde. Wir schwiegen – für länger als nur einen Moment –, doch bevor wir allzu ergriffen werden konnten, brach einer von uns den Bann mit einem gespielten Aufschrei, und wir fielen grölend in die Nacht hinein.

Ich lief über den Kies zum Rand des Parkplatzes und pisste, um zu zeigen, dass ich von der Dunkelheit nicht eingeschüchtert war. Der Wind wehte vom Meer herüber, und man konnte hören, wie sich die Wellen gegen die Kreidefelsen warfen, von denen ich wusste, dass sie ganz in der Nähe waren. Ich war damit aufgewachsen, diese Strände mit ihren Leuchttürmen und steilen Rettungsbootrampen zu besuchen, die Klippen, von denen man sagte, sie seien die höchsten im Norden. Der Küstenabschnitt hier ist von der Geschichte, der realen wie der erfundenen, gebeutelt und mit ihrem Blut beschmiert. Unter meinen Füßen hatte es Schmuggler gegeben mit ihren heimlichen Höhlen und Gängen. Robinson Crusoe war hier vorbeigekommen, an diesen Tiefen, die später zu den Gräbern ganzer Mannschaften von untergegangenen deutschen U-Booten werden sollten, und da draußen, in der Dunkelheit, war einst Graf Draculas Geisterschiff herumgetrieben. Das Meer gewinnt immer, und es verschlingt alles: Menschen, Boote, in dieser Gegend sogar ganze Dörfer, es nagt an den weichen Klippen, nimmt größere Bissen an stürmischen Tagen und verdaut Wände, Häuser, Friedhöfe. Der Ozean machte mir Angst, seit er mich mit fünf Jahren in einem Wintersturm wie ein Tier mit sich weggeschleppt hatte. Später im Leben würde ich auf Menschen treffen, die von wilden Tieren – Bären und Hunden – angegriffen worden waren, und sie würden mir erklären, dass die Erfahrung, im Kiefer eines anderen Wesens eingeklemmt gewesen zu sein, die Beziehung zu allem, von dem man einen ähnlichen Angriff befürchten konnte, veränderte. Vielleicht war es mit meiner Furcht vor dem Meer genauso – ich hatte seine Kraft gespürt, seine Gewalt, als ich mit Sand in Augen, Nase und Ohren herumgewirbelt wurde, bis mein Vater mich an Land zog.

Ich ging zurüc