Einleitung
Berge sind keine Stadien, in denen ich meinen Ehrgeiz befriedige. Sie sind Kathedralen, riesig und rein, die Gebäude meiner Religion.
Anatoli Boukreev, G. Weston DeWalt,Über den Wolken
Man ist nur fruchtbar um den Preis, an Gegensätzen reich zu sein.
Friedrich Nietzsche,Götzen-Dämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophirt
Voytek Kurtyka stand früh auf. Er machte sich einen Kaffee und ging zum Fenster hinüber, um zu beobachten, wie der Morgenhimmel zum Leben erwachte. Als die zarten Pastelltöne in ein perlmuttfarbenes Hellgelb übergingen, trat er an seinen Schreibtisch. Wie üblich gab es E-Mails von Lieferanten und ein paar Probleme mit der polnischen Zollbehörde. Damit würde er sich später herumschlagen müssen. Zudem fanden sich ein paar Anfragen von Kletterern bezüglich Informationen über Routen – und eine unerwartete Nachricht von einem gewissen Christian Trommsdorff: «Wir möchten Sie einladen, als Mitglied der Jury an der Verleihung des Piolet d’Or vom 22. bis 25. April 2009 in Chamonix teilzunehmen.»
Der auch als «Oscar des Bergsteigens» bezeichnete Piolet d’Or («Goldener Eispickel») wird jährlich für die kühnsten und innovativsten alpinen Besteigungen oder für ein Lebenswerk im Bereich des Alpinismus vergeben. Christian Trommsdorff, Bergführer in Chamonix und Vorsitzender des Veranstaltungskomitees, äußerte den Wunsch, dass Voytek – einer der angesehensten Alpinisten aller Zeiten – bei der Auswahl der besten alpinen Leistungen mitwirken sollte. Er hätte sich wohl nicht träumen lassen, wie Voyteks Antwort ausfallen sollte:
Herzlichen Dank für Ihre Einladung zur Jury des Piolet d’Or. Es tut mir leid, dass ich daran nicht teilnehmen kann … Ich weiß, dass unsere Welt ein monströses System wilder Wettbewerbe ist und folglich auch aus Preisen und Ehrungen besteht. Aber dieses System ist ein Feind der wahren Kunst. Wo Preise und Ehrungen regieren, endet die wahre Kunst. Ich glaube aus tiefstem Herzen, dass das Klettern den Kletterer zu körperlichem und geistigem Wohlbefinden, ja zu Weisheit erheben kann, dass aber Preise und Ehrungen den Kletterer zu Eitelkeit und Egozentrik verführen. An diesem Spiel teilzunehmen … ist für den Kletterer gefährlich. Ich bin zur Teilnahme daran nicht bereit und kann Ihr Angebot daher nicht annehmen.
Abgesehen von seinem geradezu philosophischen Unbehagen angesichts des «Spiels» war Voytek vor allem beunruhigt darüber, dass Bergbesteigungen ein Ranking in einem, wie er es nannte, «monströsen» Wettbewerb erfuhren. Wie konnte man etwa die vom französischen Alpinisten Pierre Béghin durchgeführte Überschreitung des Makalu mit der 40-tägigen Solobesteigung des Trango Towers durch den japanischen Kletterer Takeyasu Minamiura vergleichen? Oder Krzysztof Wielickis Winterbesteigung des Everest mit der Blitzbesteigung desselben Berges durch die Schweizer Erhard Loretan und Jean Troillet? Es war doch absurd, den Pioniergeist Reinhold Messners gegen das übermenschliche Durchhaltevermögen Jerzy Kukuczkas aufzuwiegen. Gemäß Voytek machte dieses Spiel genauso wenig Sinn wie die Frage, ob Sex oder Weihnachten besser sei.
Seiner Ansicht nach war der Alpinismus viel zu komplex für Einstufungen und Vergleiche. In ihm lagen so viele grundverschiedene Aspekte: die Ästhetik, die körperliche Leistung, die metaphysische und die logistische Dimension, die Intuition. Und es war so viel Leid zu ertragen. Wie konnte man die Leiden der Alpinisten miteinander vergleichen? «Der Druck der Medien, für ihre eigenen Zwecke einen alpinistischen Superstar zu kreieren, ist der Versuch, den Alpinismus auf eine Dimension zu reduzieren», hielt er in seinem Antwortschreiben an Trommsdorff fest. «Und das ist eine Entwürdigung des Kletterns.»
Christian Trommsdorff lacht, wenn er sich an diese scharf formulierte E-Mail erinnert. Doch er ließ sich nicht entmutigen. Im folgenden Jahr schrieb er einen noch kühneren Brief an Voytek. Diesmal schl