2. Über das normale Maß hinausgehend: Prokrastination
Was ist noch „normal“ und ab wann ist etwas „nicht mehr normal“? Nehmen wir einmal das Beispiel Fernsehkonsum: Wer sich den „Tatort“ am Sonntagabend anschaut, wer regelmäßig seine Sportsendung oder Comedy-Show einschaltet, dessen Fernsehkonsum hält sich wohl noch im absolut normalen Rahmen. Sitzt aber jemand täglich viele, viele Stunden vor dem Fernseher, befindet er sich wohl eher auf der „nicht mehr normalen“ Seite des Spektrums. Ein solches Spektrum können wir auch beim Aufschiebeverhalten ausmachen. Alle Menschen schieben gelegentlich etwas auf. Das ist absolut normal und keine Prokrastination. Dieser Begriff ist erst angezeigt, wenn das Aufschieben über das normale Maß hinausgeht. Welche Verhaltensweisen und welche möglichen Schicksale sich hinter einer echten Prokrastination verbergen, soll ein Betroffenenbericht zeigen.
2.1 Interview mit einem Prokrastinierer
Im Rahmen meiner Recherchen zu diesem Buch konnte ich mit R. ein Gespräch über seine Prokrastinationsgeschichte führen. Bei ihm zeigt sich ein sehr breit gefächertes Aufschiebeverhalten, das ihn an verschiedenen Punkten in seinem Leben in schwierige Situationen brachte. Er hat auch das erfahren, was man „lebensbedrohliche Konsequenzen“ nennt: auf Beziehungsebene, in finanzieller Hinsicht und teilweise im Beruf.
Auch heute schiebt er noch auf, allerdings beschränkt sich sein Aufschiebeverhalten auf das, was man als „normal“ bezeichnen kann. Wenn man etwas nicht immer sofort erledigt, dann ist das durchaus als positive Fähigkeit zu werten; das wird in der Diskussion um Aufschiebeverhalten oft vergessen. Diese Fähigkeit sorgt dafür, dass wir abwägen können, was gerade Priorität hat und was warten kann. Und fast jeder wird schon einmal die Erfahrung gemacht haben, dass sich Dinge von selbst erledigen, wenn ich sie nicht erledige (mehr zu den positiven Aspekten des Aufschiebens inKapitel 3.2).
Die Geschichte von R. zeigt sehr schön, wie breit das Spektrum von Aufschiebeverhalten sein kann. Er hatte in der Vergangenheit – gekoppelt an eine psychische Erkrankung – stark aufschiebendes Prokrastinationsverhalten gezeigt, was ihn im Privatleben in schwere Krisensituationen brachte. Auf Beziehungsebene und in finanzieller Hinsicht gab es einschneidende Folgen. Heute, nach mehrstufigen Behandlungen, hat er seine Aufschiebeanlage so weit im Griff, dass er weder sich selbst noch andere in ernsthafte Gefahr bringt.
Und dennoch schiebt er immer noch „im Kleinen“ auf. Doch hierfür kennt er inzwischen den einen oder anderen Kniff, um Dinge, die erledigt oder nicht vergessen werden sollen, in eine für ihn handhabbare Alltagsstruktur zu bringen. Darüber hinaus hat R. in vielen Bereichen hohe Begabungen und kann oft mit wenig Aufwand ein gutes Ergebnis erzielen. Auch davon erzählt er im Interview. Bei ihm reichen oft 80 % Einsatz, um ein Ergebnis zu erzielen, für das viele andere 100 % brauchen würden. Das gibt ihm Luft in seinen Abläufen. Lesen Sie nun, was er erzählt.
AB: Wann wurd