Liebesspiele auf Schloss Nymphenburg
Rollenspiele
»Verrätst du mir, was es mit dieser Verkleidung auf sich hat?« Julia saß neben Patrick in seinem VW Golf und starrte durch die Scheibe der Beifahrerseite. Sie versuchte im Dunkeln zu erkennen, wo genau sie sich befanden. Da sie sonst nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs war, fehlte ihr der Überblick. Patrick hatte ihr erzählt, sie würden zu Schloss Nymphenburg fahren, doch was wollte er zu dieser Uhrzeit dort? »Haben wir heute noch eine Führung?«
Sie arbeiteten beide nebenberuflich für eine Agentur, die in München besondere Events, wie zum Beispiel historische Ausflüge, organisierte. Meistens spielte Julia eine Zofe und Patrick den Kammerdiener. Gemeinsam begleiteten sie Touristen durch Schloss Nymphenburg, gaben Auskunft über das Leben am Hofe, das Zeremoniell, schwärmten von Essgewohnheiten und zeigten den Besuchern die Schätze des Fürsten. Es gab zwar auch Abendführungen, aber jetzt war es bereits nach dreiundzwanzig Uhr. Außerdem hatte die Agentur sie nicht über den Termin informiert. Irgendetwas an der Sache erschien ihr äußerst seltsam.
Julia schaute zu Patrick, der sich auf den Verkehr konzentrierte. Sie hatte ihn kennengelernt, als er vor drei Wochen in ihr Team gekommen war. Die Agentur suchte regelmäßig Mitarbeiter, weil die meisten nicht lange blieben. Oft waren es Studenten, die sich für einen gewissen Zeitraum etwas dazuverdienen wollten. Julia selbst war schon seit drei Jahren dabei, um ihr Einkommen aufzustocken. Außerdem liebte sie den Job.
Vom ersten Tag an war sie von ihrem Kollegen, den sie eingewiesen hatte, angetan gewesen. Er spielte den Kammerdiener sehr amüsant und lernte seine Texte schnell. Patrick ging in der Rolle richtig auf, schäkerte mit den Besuchern und riss an den passenden Stellen Witze. Immer hatte er eine Anekdote auf Lager. Er war intelligent und wortgewandt, keine Frage. Außer, wenn sie beide allein waren. Dann schienen ihm manchmal die Worte zu fehlen.
Jetzt hatte er nicht seine Kammerdieneruniform, sondern ein König-Ludwig-Kostüm an: enge weiße Hosen, dazu Lederstiefel, die ihm bis zu den Knien reichten, und einen dunkelgrünen Frack aus Samt. Patrick sah fantastisch aus! Julia durfte sich ihr Kleid aus dem Fundus der Agentur ausleihen. Die historischen Kostüme waren begehrt, besonders zur Faschingszeit oder für Motto-Partys. Patrick hingegen hatte seine Sachen von zu Hause mitgebracht. Ob er im Faschingsverein war?
Ihr Blick blieb an seinen Oberschenkeln hängen, um die sich der weiße Stoff spannte, und sie war versucht, ihren Arm auszustrecken. Deshalb legte sie nur in Gedanken die Hand auf sein Bein. Ob es sich warm und fest anfühlte? Wie er wohl reagierte, wenn sie mit den Fingerspitzen an seinem Schritt entlangfuhr? Würde es ihm gefallen? Würde er hart werden?
Hastig wandte sie ihr Gesicht ab, bevor er bemerkte, wie sie auf seinen Unterleib starrte – aber schon kurze Zeit später musste sie Patrick wieder ansehen. Sie schaffte es einfach nicht, lange den Blick von ihm zu nehmen.
»Es ist ein … Experiment«, erklärte er zögernd und fuhr sich mit der Hand durch sein braunes Haar.
»Experiment? Wie meinst du das?« Aus den Augenwinkeln musterte sie ihn. Patrick besaß ein markantes Kinn, schmale Lippen, ausgeprägte Wangenknochen und eine gerade Nase. Heute wirkten seine Gesichtszüge angespannt, fast schon streng. Irgendwie machte ihn das noch viel attraktiver.
Seine Hände umklammerten das Lenkrad, und ab und zu presste er die Lippen zusammen. War er nervös? Aufgeregt? Oder achtete er lediglich auf den Verkehr?
Julia bewunderte ohnehin jeden, der in München mit dem Auto unterwegs war. Sie wäre hoffnungslos verloren. Zahlreiche Fahrspuren, Tunnels, Kreuzungen und überall Schilder. Dazu sich auf das Fahrzeug konzentrieren – das war ihr einfach zu viel. Deshalb hatte sie ihr Auto verkauft, als sie vor fünf Jahren aus der Provinz in die Großstadt gezogen war. Damals hatte sie diesen mittelmäßig bezahlten Job bei einem großen