: Gianrico Carofiglio, Verena von Koskull
: Drei Uhr morgens
: Folio Verlag
: 9783990370926
: 1
: CHF 13.50
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 180
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Schla?os in Marseille: Die bewegende Geschichte der Annäherung von Vater und Sohn. Eine Fahrt nach Marseille wird für Antonio und seinen Vater zu einer Reise in die Erinnerung und nach innen. Der verschlossene Gymnasiast muss zu einer neurologischen Untersuchung, die vorschreibt, zwei Tage und zwei Nächte ohne Schlaf zuzubringen. Sein Vater, der früh die Familie verlassen hat und zu dem er ein kühles Verhältnis hat, begleitet ihn. Erstmals erfahren die beiden eine nie gekannte Intimität: Der Vater erzählt von seiner Jugend, von der Bekanntschaft mit der Mutter des Jungen - der Sohn von seinen Hoffnungen und Ängsten. Der Aufenthalt vollzieht sich zwischen Wachzustand und Erschöpfung, er führt in anrüchige Viertel, an atemberaubende Strände, ins Herz der pulsierenden Stadt. Eine Begegnung, die zwei Menschen für immer verändert.

Gianrico Carofglio, geboren 1961 in Bari, war viele Jahre Antimafia-Staatsanwalt in Bari, 2007 Berater des italienischen Parlaments im Bereich organisierte Kriminalität, 2008-2013 Senator. Autor zahlreicher preisgekrönter Krimis, die in 24 Sprachen übersetzt wurden. Auf Deutsch bei Folio: Carlotto/Carofiglio/De Cataldo: Kokain. Crime Stories (2013) und Trügerische Gewissheit (2016).

6.


Mit dieser harmlosen Behandlung und dem Gefühl von Normalität, das mir Gastauts Diagnose zurückgegeben hatte, fand das Leben zu seinem gewohnten Gang zurück.

Die schleichende Depression, in die ich nach dem ersten Krankenhausaufenthalt abgerutscht war, war von einem Tag auf den anderen verschwunden. Ich tat wieder das, was ich vorher getan hatte, einschließlich Fußball spielen und Limonade trinken. Ich mischte mich wieder unter meine Altersgenossen und wünschte mir zugleich, ganz anders zu sein als sie. Eine Schizophrenie, die letztlich allen Heranwachsenden eigen ist. Man tut alles, um genau so zu sein wie die anderen, und träumt davon, anders zu sein.

Ich fing auch wieder an zu lesen.

Langsam, fast unmerklich gingen die drei Jahre dahin: eine Art ewige Gegenwart, eine schwebende, eher von Tagträumen denn von denkwürdigen Ereignissen erfüllte Zeit.

Statt Erfahrungen zu machen, malte ich sie mir aus. In der magischen Zukunft meiner Träume schrieb ich Bücher, zeichnete Comics, produzierte Trickfilme mit Figuren, die ebenso berühmt, populär und beliebt wurden wie die von Disney oder Marvel.

Ich stellte mir ein ebenso nebulöses wie großartiges Leben voller Weltreisen, Abenteuer und romantischer Begegnungen mit schönen, attraktiven Mädchen vor.

Das Leben in der wirklichen Welt war weitaus langweiliger. Wie gern würde ich sagen können, eine Jugend voller unvergesslicher Erlebnisse gehabt zu haben, doch leider war dem nicht so.

Die aufregendsten Erinnerungen aus jener Zeit sind die Träume, die ich hatte, und die Momente, in denen ich ihnen nachhing: auf Spaziergängen; beim Musikhören auf dem Bett; auf der Treppe im Pausenhof während der Schulbesetzung in der elften Klasse.

DieTaten indes ware