Erster Band
Verschiedene Parteien.
Am 30. Mai des Jahres 1864 war die erste Etage des großen und schönen Hauses in Mexiko, das der General und frühere Präsident Miramon mit seiner jungen Frau bewohnte, festlich erleuchtet, und die geschäftige Dienerschaft noch in voller Arbeit, um die verschiedenen Säle für den Empfang der erwarteten Gäste instand zu setzen. Im Spielzimmer wurden die Tische arrangiert und die Lichter angezündet; im großen Saal rückte man das Instrument etwas von der Wand ab, und alles verriet, daß der Besuch ein sehr zahlreicher und auch äußerst glänzender sein würde – keine der gewöhnlichen Tertulias, die in der letzten Zeit fast wöchentlich eine Anzahl von Freunden wie Gesinnungsgenossen in dem gastlichen Haus des jungen Kriegers und Staatsmannes versammelt hatten.
Es war auch in der Tat eine bewegte und lebendige Zeit in Mexiko – dies Frühjahr von 1864, denn es schien fast, als ob es Frühling im ganzen Lande werden, und Krieg und Blutvergießen, die ihre Schrecken seit langen Jahren über die schöne Erde gegossen, nun doch ein Ende nehmen sollten.
Allerdings standen die Franzosen überall im Land; das Blut, das ihre Waffen vergossen, rauchte noch allerorten in den Tälern – mexikanisches Blut, den Herzen derer entströmt, die sich den fremden Usurpatoren keck entgegengeworfen und ihr eigenes Vaterland, den eigenen Herd verteidigt hatten; aber daran war man ja in Mexiko gewöhnt. Solange die jetzige Generation lebte, hatte sie es – mit kurzen Unterbrechungen vielleicht – nie anders gesehen und gekannt, und was deren Eltern erzählten, drehte sich nur ebenfalls um Geschichten von Revolutionen und Pronunciamentos, um Erpressungen und Exekutionen. Sie wußten es nicht besser, und, von der übrigen Welt so ziemlich abgeschlossen, schien es fast, als ob ein anderer staatlicher Zustand gar nicht denkbar sei.
Ähnlich wie jetzt war es dabei schon oft im Land,schlimmer freilich noch nie gewesen; denn wie zuzeiten der Spanier, drang ein fremdes Heer herein und benutzte die eine Partei, um mit deren Hilfe die andere zu schlagen und zu unterjochen. Auch war ein Ende dieses Kampfes kaum vorauszusehen, konnte wenigstens noch lange Jahre dauern, undmußte dann Mexiko vollständig ruinieren.
Da plötzlich zeigte sich Rettung, und wie ein schönes, wunderbares Märchen klang es fast, denn drüben, weit drüben über dem Meere, in einem fremden Weltteile, auf hohem, die See überschauendem Felsenschloß, hatte ein Fürstensohn eingewilligt, die Zügel ihres Landes in die Hand zu nehmen, und schon, wie das Gerücht ging, trug ihn die Welle ihrem Ufer entgegen.
Es war eigentümlich, welchen Eindruck diese Nachricht aufalle Parteien – wenigstens für kurze Zeit – hervorbrachte. Wie das Läuten der Friedensglocken die Streitenden trennt und sie dem Klange horchen, so schienen sich auch hier die Parteien für kurze Frist geeinigt zu haben, um wenigstens erst einmal den neuen Zustand der Dinge anzuschauen.
Das eigentliche Volksehnte sich übrigens nach Frieden, undwer ihn brachte, war willkommen; jede der anderen Parteien aber hoffte den neuen Fürsten ihrer Seite zu gewinnen, und selbst zahlreiche Führer der Liberalen, die bis dahin noch auf des zurückgetriebenen Juarez Seite gestanden, waren es müde geworden, das schöne Land zu nichts als einem Schlachtfeld zu verwenden, auf dem sie den Boden ewig mit Blut düngten, ohne je ein Saatkorn hineinzulegen oder eine Ernte zu ziehen.
Ob dieFührer der Parteien nicht ihre Absichten und Pläne dabei hatten und allein nach dem Grundsatz handelten,kein Mittel zu scheuen, um nurihre Zwecke zu erreichen, sollte erst die Zeit enthüllen – jetzt zeigte sich, wenigstens äußerlich, nichts davon, und in der Hauptstadt selber schien alles nur von dem Wunsch beseelt, die neue Monarchie in Kraft, ins