: Friedrich Gerstäcker
: Das alte Haus
: OTB eBook publishing
: 9783965374317
: 1
: CHF 1.80
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: Erzählende Literatur
: German
: 187
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Es ist nicht geheuer in dem alten Haus nebenan, davon sind die Dienstboten im Hause Hechner fest überzeugt und auch im Städtchen gehen wunderliche Geschichten um von Lichtern in der Nacht und dem alten Herrn Quetzlinberger, der dort schon seit wohl 100 Jahren seine einsame Wacht halten soll. Manch einer möchte wohl gerne einmal einen Blick riskieren hinter die gelben Seidengardinen, doch das Haus ist verschlossen und versiegelt, denn schon lange streiten die Erben um das Haus und das hinterlassene Vermögen. Einzig die kleine Marie Hechner ist einmal durch die Verbindungstür im Treppenhaus des Hechnerschen Hauses nach nebenan geschlüpft und hat wunderliche Dinge dort gesehen. Oder war das alles nur ein Äthertraum? (Goodreads)

Kapitel 1.


In einer der Hauptstraßen von Hellburg stand noch vor gar nicht so langen Jahren ein steinernes, uraltes Gebäude aus früherer Zeit – wie Viele sogar behaupteten, das älteste Gebäude der Stadt – mit wunderlich geschnitzten Giebeln und Gewänden, künstlich gespannten Fenster- und Thürbogen und großen eisernen drachen- und lindwurmköpfigen Dachrinnen, die der Zeit, wie allen die Straßen auf- oder abwehenden Stürmen die langen, grimmig ausgeschnittenen Zähne gezeigt hatten, und bei heftigen Regengüssen, zum Aerger der Vorübergehenden, ganze Ströme Wassers in die Mitte der Straße sprudelten. Ueber der Thür waren zwei sonderbare Gestalten in Stein ausgehauen, die einen Türken und einen Christen vorstellten, und auch zwischen den Fenstern hatte der Baumeister, dessen Urenkel mit zu den Ahnen der jetzigen Generation gehörten, manche behelmte und bewehrte Gestalt angebracht. Nirgends aber fand sich ein Heiligenbild, nirgends ein Engelsköpfchen, das sonst mit seinen dicken Bäckchen trostbringend aus manchen Verzierungen anderer, fast eben so alter Gebäude herausbläst. Kein frommer Märtyrer mit zerrissenen Gliedern und rundem Heiligenscheine war in der ganzen Masse von Schnitzwerk zu finden; kein frommes Sprüchlein, kein Vers, kein Kreuz angebracht, selbst nicht aus dem Schilde des Ritters über der Thür.

Wie die Dachrinnen Unthiere darstellten, die nur hinten an den Schwänzen von irgend einer wohlthätigen Macht zurückgehalten und verhindert wurden, sich auf die ruhig Vorübergehenden niederzustürzen, und all ihren zähnefletschenden Grimm an ihnen auszulassen, so trugen kleine boshafte Faun- und Teufelslarven die Fenstersimse und hier und da angebrachte Nischen-Console, und ungeschlachte, halb Thier-, halb Menschenbilder stützten, die Krallenfinger in die dürren Seiten stemmend, Erker und Balcon. Jedenfalls hatte ein wunderlicher Geschmack das Haus erbaut.

Seit langen, langen Jahren nicht bewohnt, war es nach dem Tode des letzten, schon lange verstorbenen Besitzers und in Folge des darob entstandenen Rechtsstreites zwischen den außer Landes wohnenden Erben verschlossen und versiegelt worden. Darüber verging die Zeit, und wie das so mit Processen geht, erinnerten sich jetzt ganz alte Leute aus ihrer Jugendzeit noch der großen, der Thür angedrückten Siegel, zu denen sie damals mit stummer Ehrfurcht aufgeschaut. Nichtsnutzige Menschen hatten diese später einmal beschädigt – vielleicht um einen hochweisen Rath zu kränken oder den Nachtwächter zu ärgern – und jetzt waren Streifen Blech über die neu aufgedrückten genagelt worden, sie zu schützen – denn der Proceß dauerte ruhig fort.

Andere Nachtschwärmer klopften auch früher einmal in frechem Muthwillen mit dem alten eisern