Tag 1
Sobald ein Dachziegel fehlt,
ist das Haus verflucht
»Das Haus ist verflucht.«
Diese Worte drangen aus Mr Boyles Mund, wurden vom Wind zerrissen, und doch konnte Joanne nicht behaupten, dass sie wirkungslos verhallten. Sie sorgten dafür, dass sich Joannes Lippen spöttisch kräuselten. Würde ihr nicht jeder Knochen im Leib klappern, käme Joanne nach diesem Satz nicht mehr aus dem Lachen heraus.
Das Haus ist verflucht. Jedem gutgläubigen Idioten lief bei einem solchen Satz ein Schauer über den Rücken. Joanne hingegen war schlicht und einfach kalt. Das Wetter war sicher ebenfalls verflucht, passte es doch wunderbar zu dem verfallenen, düsteren Eastend House und Mr Boyles Warnung.
Der Wind zerrte an Joannes Mantel, blies ihr immer wieder ins Gesicht, und bei einer erneuten Böe musste sich Joanne mit aller Kraft dieser Naturgewalt entgegenstemmen, um nicht kurzerhand gegen Mr Boyles schwarzen Rover geschleudert zu werden.
Dünne, ununterbrochene Bindfäden feinen Regens fielen auf die Erde und vernebelten die Silhouette von Eastend House.
Selbst durch das Rauschen des Wolkenbruchs hindurch, meinte Joanne, das Klappern der Dachziegel zu hören. Oder waren es Mr Boyles Zähne? Der Bürgermeister von Thankerton lehnte an seinem Wagen, hielt seinen Hut mit beiden Händen fest und verzog unwillig das Gesicht, als ihm der Wind einen Schwall Nässe ins Gesicht blies.
Owen Boyle war ein Mann, von dem man sich wünschte, dass er schnellstens wieder verschwand. Am Telefon war er schwatzhaft gewesen, und jetzt starrte er sie Beifall heischend an. Nicht einmal das verflixte Mistwetter hielt ihn davon ab, seinen idiotischen Begrüßungssatz zu wiederholen: »Ein Fluch liegt über Eastend. Es tötet Menschen.«
Joannes Nase kribbelte, und sie blinzelte gegen den Niesreiz an. Vergeblich. Ihr entfuhr ein Laut, als wäre ein Elefant geplatzt. Nicht dieses Haus würde sie umbringen, sondern die Lungenentzündung, die sie sich auf seinem Vorplatz einfing. Sie holte ein Taschentuch hervor und schnäuzte sich kräftig.
Das war mit Sicherheit nicht die Reaktion, die sich der Unheilverkünder erhoffte. Er presste die Lippen aufeinander und zog endlich einen Schlüsselbund aus seiner Manteltasche. Mr Boyles knollige Nase in dem aufgedunsenen Gesicht färbte sich bereits rot. Aber der beginnende Schnupfen hinderte den Bürgermeister keineswegs daran, wie eine hängende Schallplatte zu klingen: »Sie sollten hier nicht einziehen. In dem Haus gibt es einen Geist.«
Gute Güte, wie oft wollte er es noch sagen? Joanne verdrehte die Augen. »Ich bin ewig über holprige Landstraßen gefahren, um dann auf Sie zu warten! Ich will mich endlich an die Heizung setzen. In der Küche. In diesem Haus. Sehe ich aus, als ob ich jetzt umkehre? Mein Wagen hat keine Sitzheizung, genau genommen funktioniert in dem Ding gerade mal die Gangschaltung.«
Das Metall des wuchtigen Schlüssels schabte über den Eisenring, so aufgeregt schwang ihn Mr Boyle herum. »Sie verstehen nicht, Miss Hunter. In diesem Haus sterben Menschen unter ungeklärten Umständen! Es ist blanker Selbstmord einzuziehen!«
Es war auch Harakiri, bei Max Blackburn als Leiterin der Rechtsabteilung einen Vertrag zu unterschreiben. Der Mann dehnte sämtliche Gesetze, bis sie nicht n