Erster Teil
Die Stadt liegt im Abendlicht. Das Gesicht der Frau ist im Schatten verborgen. Hoch über allem dreht sich unablässig ein großer Neonring im strahlenden Licht, drei weiße Pfeile eingrenzend, jeder sternförmig in eine andere Richtung weisend. Das Wahrzeichen der Stadt und eines reichen Landes.
Obwohl er seit vierundzwanzig Jahren in dieser Stadt lebt und dieser Ring sich in all den Tagen und Nächten genauso drehte, hatte er ihn niemals angeschaut. Als er in dieses Land floh, trug er ein so kummervolles Bild im Kopf, dass er kein weiteres Bild mehr beachten konnte. Im Laufe der Jahre war es dann verblasst. Wie das Schild eines Geschäftes, das wir jeden Tag sehen, uns aber nicht mehr erinnern können, wenn jemand danach fragt. Als er noch in seiner Heimat war, hatte dieses Zeichen eine ganz andere Bedeutung für ihn. Auf einem dunkelblauen Wagen symbolisierte es den großen Klassenunterschied zwischen ihm und seinen Nachbarn. Aber in diesem Moment beschäftigt ihn eine ganz andere Frage, die ihn völlig gefangen nimmt. Obwohl das Gesicht der Frau am Tisch nur undeutlich zu sehen ist, kann er doch spüren, dass sie ihm direkt in die Augen schaut.
Er senkt seinen Kopf und schaut in sein Glas. Noch ist der Schaum des Biers nicht verschwunden. Er heftet die Augen auf das Glas, aber seine Gedanken schweifen wieder ab. Seine Augen bleiben haften, während sich seine Gedanken davonmachen: Zur ersten Verteidigungslinie. In jene Morgendämmerung, in der sich ein Erdhaufen auf ihn zuschob. Er wachte auf und griff zu seiner Waffe. Ein ungewöhnlicher Lastwagen erschien oberhalb des Schützengrabens. Verwundert erkannte er das Markenzeichen des Wagens. In den letzten Jahren des Krieges waren alle Dinge an der Front gebrechlich und schrottreif geworden. Ein neuer orangefarbener Mercedes-Lastwagen war in der ersten Verteidigungslinie genauso ungewöhnlich wie das Erscheinen einer Frau. Der Lastwagen rutschte nach unten und verschwand aus seinem Blick. Er kroch aus dem Schützengraben. Der Lastwagen war hinter dem Schützengraben zum Stehen gekommen. Issa saß unbeweglich im Führerhaus. Er rief Issa an. Keine Antwort. Er rannte nach unten und riss beunruhigt die Lkw-Tür auf. Issas Gesicht war von einer Kugel getroffen worden. Der Mann kreischte so laut, dass alle Mitkämpfer aus dem Schlaf gerissen wurden. Verwirrt rannten sie durch den Schützengraben und krochen nach oben.
Issa, der unbesiegbare Kommandant, war tot. Sein einziger Freund heulte herzzerreißend in einer seltsamen Sprache. Nach einigen Sekunden sagte ein Rotschopf erstaunt zu den anderen Soldaten: „Ich glaube, der Kommandant war ein Kurde.“
„Oder ein Armenier?“
„Nein, er schluchzt kurdisch. Ich weiß das, ich hab in Kurdistan gedient.“
Für den Mann, der im Führerhaus weinte, war das Spiel vorbei. Er konnte seine Herkunft nicht länger verstecken. Mit diesem Verlust wurden alle seine Ziele und Wünsche vernichtet.
Er glotzte in Issas Gesicht und war schockiert. In Issas Gesicht fand sich keine Spur von Angst oder Wut. Sein Tod war friedlich gewesen, so wie er es gestern beschrieben hatte, einige Stunden, bevor eine Kugel seine Stirn traf.
Issa hatte vorher niemals über den Tod ge