: Sharam Qawami
: Brücke des Tanzes
: Verlag Tasten& Typen
: 9783945605233
: 1
: CHF 7.40
:
: Erzählende Literatur
: German
: 208
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Kirsten will ein letztes Mal mit ihrem Freund über eine gemeinsame Zukunft sprechen. Aber Soraw quälen Geschichten aus seiner Heimat. Zum ersten Mal erzählt er von Erinnerungen Todgeweihter im Schützengraben, tabu für die Lebenden: Vom Mathematiklehrer, der als Derwisch am Grab seines Sohnes hauste. Vom Forstbeamten, dessen Berufung sprachlos macht. Der Autor spricht von einem Volk, das in seiner Heimat überleben will: Ob in der Fiktion eines antiken Gerichts oder in Episoden über kurdische Kinder, die ihre Kindheit verlassen, mit Müttern, die Lasten von Männern tragen müssen. Sharam Qawami legt seinen ersten, auf Deutsch geschriebenen Roman vor. Im Nachwort gibt er Auskunft zu dem, was sein Leben prägte und prägt.

Sharam Qawami ist am 19. September 1974 in Sanandaj im Kurdistan des Iran geboren worden. Er studierte Landwirtschaft, aber nach vier Jahren Studium wurde er aus politischen Gründen exmatrikuliert. Aufgrund seiner kritischen Bücher verfolgte und verhaftete man ihn im Iran. Im August 2010 musste er aus dem Iran fliehen. Bibliografie: 2001 Kurzerzählung 'Die Erinnerung an die Wunden meiner Mutter' 2003 Roman 'Soheila' 2006 Roman 'Das Gedächtnis im Wind' 2007 Übersetzung des Romans 'Wuthering Heights' von Emilie Brontë ins Kurdische 2008 Ein Buch über Romantheorie 'Die Stadt der Gruppen und Banden' 2009 Roman ' Der Langmantelträger' 2010 Gedichtsammlung 'Wir sind bloß mit Altwerden beschäftigt' 2017 Roman 'Brücke des Tanzes'

Erster Teil


Die Stadt liegt im Abendlicht. Das Gesicht der Frau ist im Schatten verborgen. Hoch über allem dreht sich unablässig ein großer Neonring im strahlenden Licht, drei weiße Pfeile eingrenzend, jeder sternförmig in eine andere Richtung weisend. Das Wahrzeichen der Stadt und eines reichen Landes.

Obwohl er seit vierundzwanzig Jahren in dieser Stadt lebt und dieser Ring sich in all den Tagen und Nächten genauso drehte, hatte er ihn niemals angeschaut. Als er in dieses Land floh, trug er ein so kummervolles Bild im Kopf, dass er kein weiteres Bild mehr beachten konnte. Im Laufe der Jahre war es dann verblasst. Wie das Schild eines Geschäftes, das wir jeden Tag sehen, uns aber nicht mehr erinnern können, wenn jemand danach fragt. Als er noch in seiner Heimat war, hatte dieses Zeichen eine ganz andere Bedeutung für ihn. Auf einem dunkelblauen Wagen symbolisierte es den großen Klassenunterschied zwischen ihm und seinen Nachbarn. Aber in diesem Moment beschäftigt ihn eine ganz andere Frage, die ihn völlig gefangen nimmt. Obwohl das Gesicht der Frau am Tisch nur undeutlich zu sehen ist, kann er doch spüren, dass sie ihm direkt in die Augen schaut.

Er senkt seinen Kopf und schaut in sein Glas. Noch ist der Schaum des Biers nicht verschwunden. Er heftet die Augen auf das Glas, aber seine Gedanken schweifen wieder ab. Seine Augen bleiben haften, während sich seine Gedanken davonmachen: Zur ersten Verteidigungslinie. In jene Morgendämmerung, in der sich ein Erdhaufen auf ihn zuschob. Er wachte auf und griff zu seiner Waffe. Ein ungewöhnlicher Lastwagen erschien oberhalb des Schützengrabens. Verwundert erkannte er das Markenzeichen des Wagens. In den letzten Jahren des Krieges waren alle Dinge an der Front gebrechlich und schrottreif geworden. Ein neuer orangefarbener Mercedes-Lastwagen war in der ersten Verteidigungslinie genauso ungewöhnlich wie das Erscheinen einer Frau. Der Lastwagen rutschte nach unten und verschwand aus seinem Blick. Er kroch aus dem Schützengraben. Der Lastwagen war hinter dem Schützengraben zum Stehen gekommen. Issa saß unbeweglich im Führerhaus. Er rief Issa an. Keine Antwort. Er rannte nach unten und riss beunruhigt die Lkw-Tür auf. Issas Gesicht war von einer Kugel getroffen worden. Der Mann kreischte so laut, dass alle Mitkämpfer aus dem Schlaf gerissen wurden. Verwirrt rannten sie durch den Schützengraben und krochen nach oben.

Issa, der unbesiegbare Kommandant, war tot. Sein einziger Freund heulte herzzerreißend in einer seltsamen Sprache. Nach einigen Sekunden sagte ein Rotschopf erstaunt zu den anderen Soldaten: „Ich glaube, der Kommandant war ein Kurde.“

„Oder ein Armenier?“

„Nein, er schluchzt kurdisch. Ich weiß das, ich hab in Kurdistan gedient.“

Für den Mann, der im Führerhaus weinte, war das Spiel vorbei. Er konnte seine Herkunft nicht länger verstecken. Mit diesem Verlust wurden alle seine Ziele und Wünsche vernichtet.

Er glotzte in Issas Gesicht und war schockiert. In Issas Gesicht fand sich keine Spur von Angst oder Wut. Sein Tod war friedlich gewesen, so wie er es gestern beschrieben hatte, einige Stunden, bevor eine Kugel seine Stirn traf.

Issa hatte vorher niemals über den Tod ge