Kai Brodersen
Brunnenvergifter
„Was für eine blödsinnige Verschwendung jedes Mal!“, schimpfte Fritz vor sich hin, während er durch den Nieselregen zum Lutherbrunnen stapfte. Natürlich nieselte es, es nieselte ja immer am Reformationstag, jedenfalls war das Fritzens Erinnerung.
Es war kein weiter Weg vom Landgasthof, in dem er mit Tante Willie abgestiegen war, bis zu der eingefassten Quelle, deren Wasser angeblich vor fünfhundert Jahren den Reformator von heftigem Nierenleiden befreit hatte. Aber es nieselte, und der Weg von dem kleinen Dorf im Niedersächsischen, in dem Wilhelmine Eleonore Agathe Freiin zu Hengstbergshausen-Enningerloh, eben Tante Willie, residierte, der war weit, öde und unnütz.
So jedenfalls sah es ihr Großneffe Fritz.
Was soll’s? – Das alte Mädchen muss bei Laune gehalten werden, dachte er, während er sich die Schiebermütze etwas tiefer ins Gesicht zog. Dann erinnerte er sich an Tantchens Alter, ihr schwaches Herz, ihr Vermögen … Mit einem kleinen Lächeln erreichte er den Brunnen.
Seit zwanzig Jahren fuhr er die Freiin nun schon hierher, seit er den Führerschein hatte (bezahlt von Tante Willie, der gesamte Rest der Familie war „verarmter Adel“, wie er schon im Grundschulalter gelernt hatte). Sie war großzügig, „die Baronin“, wie sie in ihrem Dorf genannt wurde, aber sie erwartete widerspruchslosen Gehorsam, wenn sie einen ihrer exzentrischen Wünsche äußerte. Bis auf den heutigen Tag verteidigte sie beispielsweise zäh und ohne die geringste Neigung zu Kompromissen die Bank im Altarraum der Kirche, deren Renovierung sie vor ein paar Jahren praktisch allein finanziert hatte, für „die Enningerlohs“. Der Dorfpfarrer, ein in vielen Kämpfen gestählter, aber auch gelassen gewordener Lutheraner, hatte sich damit abgefunden und sein zur Sozialdemokratie neigendes Presbyterium in dieser Frage kurzerhand übergangen.
Ernsten Widerspruch hatte er allerdings hinsichtlich der Wallfahrten Wilhelmines zum Lutherbrunnen nach Tambach-Dietharz angemeldet. Das Wasser im Brunnen sei Wasser, weiter nichts, hatte er bemerkt, und des Tantchens Überzeugung, ein Gläschen diesen Nasses helfe ihr besser gegen ihre Nierenkoliken als alles, was ihr alter Hausarzt (liebevoll „der olle Quacksalber“ genannt) verschreibe, das gehe denn doch zu weit in Sachen Luther-Verehrung.
Als Pfarrer Stolzmann dann auch noch Parallelen zog zu den „naiven Nönnchen, die nach Lourdes pilgern“, da kam es zu einer Auseinandersetzung, die im gesamten Landkreis bekannt wurde und die beinahe mit der vorzeitigen Verrentung des Kirchenmannes geendet hätte. Der Streit wurde beigelegt (Es war die Rede gewesen von einem Besuch des Superintendenten auf Gut Enningerloh.), und Wilhelmine ließ sich weiterhin jedes Jahr zum Reformationstag nach Tambach-Dietharz fahren, um sich einen großzügig bemessenen Vorrat des Wunderwassers abzufüllen und nach Niedersachsen zu schaffen.
Im Thüringischen war sie eine feste Größe, und der Pfarrer der Lutherkirche freute sich in jedem Jahr über eine erhebliche Aufbesserung der Kollekte, wenn die Baronin zum Gottesdienst am Reformationstag erschien, sich ganz vorn in eine Kirchenbank setzte und auf dem Weg dorthin huldvoll in die Reihen grüßte. Insgesamt war man froh, dass sich ihre Verachtung der modernen Medizin offenbar lediglich auf Lässlichkeiten ihrer Nieren, oder, wie sie es formulierte: nephrologische Fragestellungen bezog, denn ihre Herzmedikamente nahm sie treu und brav. Sonst wäre es wohl auch nie zur Renovierung der Enningerlohschen Stammkirche gekommen, und der Pfarrer von Tambach-Dietharz hätte schon seit Jahren erhebliche Einbußen in seinem Klingelbeutel zu verzeichnen gehabt.
Fritz setzte sich auf die rötliche Steineinfassung des Wunderwasserbrunnens. Sein Lächeln verrutschte etwas, als er bemerkte, wie die Nässe durch den Stoff seiner Jeans drang, aber darauf war nun keine Rücksicht zu nehmen. Er hielt einen dunklen Kanister unter das Stahlrohr, aus dem Tante Willies Nierenallheilmittel plätscherte. Als der Kanister gefüllt war, sah Fritz sich um und stellte fest, dass weit und breit kein neugieriger Wanderer ein Auge auf den Brunnen und Fritzens Aktivitäten warf. Natürlich nicht, dachte Fritz, wer würde schon bei dem Dreckswetter zum Brunnen latschen, außer natürlich Friedrich Martin Johann Carl zu Hengstbergshausen-Enningerloh!
Zu gleichen Teilen amüsiert über die in seiner Familie grassierende Vorliebe für bombastische Namensvergaben und erleichtert darüber, den Brunnen ganz für sich zu haben, machte er sich ans Werk. Natürlich hatte er die ganze Sache von langer Hand ge