Kapitel 3 – Amy: Ein neuer Lebensabschnitt
Es ist ein kühler Herbstmorgen. Leichter Wind weht unter meinen Rock, und ich ziehe den Reißverschluss meines Parkas höher, während ich über das riesige Universitätsgelände schreite. Nebel, der von der Themse aufsteigt, wabert über die Wiesen, und die Sonne lässt sich nicht blicken. Ein grauenhafter, viel zu kalter erster Tag an der Uni, den mir meine Mitbewohnerin Susan mit ihrer fröhlichen Art erleichtert.
Sie begleitet mich, und ich bin froh darum, ansonsten würde ich mir unter den zahlreichen Studenten, die emsig über den Rasen oder die Kieswege eilen, ein wenig verloren vorkommen. Susan ist bereits das zweite Jahr an dieser Uni und hat mir in der Mittagspause eine Sue-Spezial-Führung versprochen. Sie will mir die wirklich coolen Treffpunkte zeigen.
»Ist es nicht total schön hier?« Mit leuchtenden Augen rückt sie ihre karierte Pudelmütze zurecht, unter der sie ihr rotes Haar versteckt. Doch sie sieht nicht mich an, sondern starrt auf einen jungen dunkelhaarigen Mann, der etwa zehn Meter vor uns geht. Er trägt wie wir eine Umhängetasche und unterhält sich mit einem blonden Typen.
Sue neben mir seufzt, und ich grinse. Ist da jemand verliebt?
Sofort schießt Jason in meine Gedanken. Irgendwie wünschte ich, er wäre hier, damit ich auch jemanden habe, den ich anschmachten kann. Andererseits bin ich froh, ihm so schnell nicht mehr unter die Augen treten zu müssen. Mein neuer Lebensweg bietet die perfekte Ablenkung. »Der Campus ist unglaublich. Ich habe mich bei der Besichtigung wie in einem Harry Potter Film gefühlt.« Gut erinnere ich mich daran, als ich zum ersten Mal hier war, um mich über die Uni zu informieren. Ein schmiedeeisernes Tor mit goldenen Verzierungen, Schnörkeln und alten Straßenlaternen – in denen heutzutage natürlich Glühbirnen brennen – bildet den Eingang zum Gelände. Auf einer gigantischen Fläche erstrecken sich Parkanlagen und weltberühmte historische Gebäude. Die ehemalige Bildungseinrichtung der Royal Navy liegt gegenüber der Isle of Dogs und es dauert nur eine halbe Stunde mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ins Zentrum von London.
Sue nickt eifrig, dann mustert sie den Hintern des Mannes, obwohl man davon nicht viel sieht, da ihm die Jeans ein wenig zu locker auf den Hüften sitzen. »Tatsächlich hat unsere Uni schon für einige Filme als Kulisse hergehalten«, sagt sie.
Vor einem barocken Gebäude mit Säulengängen trennen sich unsere Wege. »Immer da lang und dann rechts«, erklärt sie mir und deutet zur hohen Eingangstür.
»Hast du jetzt nicht einen Kurs?« Ich weiß, dass Sie Management studiert, daher hat sie leider einen anderen Unterrichtsplan als ich. Bei mir beginnt das Unileben ohnehin erst so richtig in ein paar Tagen, denn zuerst steht die Kennenlernwoche an, da muss ich noch keine Lesungen besuchen.
»Ja, ich …« Sie dreht den Kopf und lässt den Blick schweifen. Ich folge ihm und sehe, wie sich ihr Schwarm immer noch mit dem blonden Typen unterhält. Die beiden jungen Männer stehen etwas abseits an einer Säule und scheinen leise und vertraut miteinander zu sprechen, als hätten sie ein Geheimnis. »… gleich.«
Ob sie auf ihn wartet?
Ich kenne Sue zu kurz, um sie über persönliche Dinge auszufragen. Eigentlich haben wir uns gerade mal ein wenig beschnuppert.
»Okay, bis später dann«, sage ich schweren Herzens, denn jetzt muss ich allein weiter. In die Höhle des Löwen.
Irgendwie befällt mich eine seltsame Vorahnung, als wäre es keine gute Idee, die Kurse »Film und Fernsehen« gewählt zu haben – was wahrscheinlich daran liegt, wie Jason und ich auseinandergegangen sind. Eigentlich interessiere ich mich mehr für Kunst, Geschichte, Englisch oder Rechtswissenschaften. D