2. Einordnen: Die Arbeit leben statt Work-Life-Balance
Sie kennen das: Sie machen Ihre Arbeit gut, eigentlich auch gerne, doch manchmal sind Sie lustlos, fühlen sich überfordert und fragen sich, was los ist. Ob da nicht etwas schiefläuft, ob Sie nicht unter Ihren Möglichkeiten bleiben? Sie überlegen, ob es an Ihnen liegt, an den Mitarbeiter*innen oder Klient*innen, die Ihnen auf die Nerven oder an die Nieren gehen. Ob Sie den falschen Beruf gewählt haben?
Wenn Sie schon länger dabei sind, überlegen Sie vielleicht, ob sich das Gefühl in letzter Zeit verstärkt hat. Ob Sie den Belastungen noch standhalten? Ob Sie nicht eigentlich etwas ganz anderes mit Ihrem Leben hätten anfangen sollen. Vielleicht fragen Sie sich: „Kann das so weitergehen? Will ich das so? Ich tue das doch eigentlich gerne! Brauche ich Tapetenwechsel? Werde ich einfach alt oder muss aus allem raus?“ Sie finden keine Orientierung in diesen Gedanken und machen viel zu lange weiter, ändern Kleinigkeiten, sprechen mit Ihrer Freundin, lassen sich Johanniskraut verschreiben. Auf Dauer ändert das alles nichts. Vielleicht hilft erst die Burnout-Diagnose, um es grundsätzlicher anzugehen.
Dass es anderen auch so geht, macht das Leben nicht einfacher. Wie viele Kolleg*innen haben Sie, die am Montag pfeifend in die Einrichtung kommen, am Tagesende beschwingt die Tür schließen und lächelnd in den Feierabend starten? Dann sagen Sie sich: „Hab dich nicht so, wird schon, geht doch allen gleich.“ Und wenn nicht, lassen Sie sich ein paar Tage krankschreiben. Brauchen können Sie es allemal. Nicht zu lange, sonst sind die Kolleg*innen sauer. Nur fühlen Sie sich die meiste Zeit genervt, abgeschlagen, unlustig. Wäre schon gut, das zu ändern, klar. Aber wie? Und wo ansetzen?
2.1 Arbeit und Freizeit
Wie ist das überhaupt mit der Arbeit, wozu machen Sie das? Gönnen wir uns einen kurzen und sehr verknappten Blick auf Arbeit und Freizeit, deren Verhältnis zueinander, die Besonderheit der psychosozialen Arbeit und die neue Anforderung „Selbstfürsorge“.
Arbeit, das ist zum einen Notwendigkeit – der Broterwerb, wie es so schön heißt, und die Sicherung all dessen, was Sie als materielle Lebensgrundlage definieren. Natürlich müssen wir arbeiten, die allermeisten Menschen müssen irgendeine Tätigkeit verrichten, die es ihnen und den ihren erlaubt zu (über)leben. Wir verkaufen Arbeitskraft und können so Nahrung, Kleidung, Flugreisen und Altersversorgung sichern. Oft stellen wir die Arbeit dem Leben gegenüber, manchmal gar darüber, als Bedingung, der wir alles unterordnen: die Liebe, das Essen, die Kinder, die Familie, die Gastfreundschaft. Arbeit zu haben, arbeiten zu gehen und dafür bezahlt zu werden scheint die Voraussetzung für Leben, für Anerkennung, für die Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung, für Freizeit. Das sine qua non, wie der Lateiner sagt. Ohne sie ist alles nichts.
2.2 Arbeit im psychosozialen Bereich
„Arbeit im Sinne derBetriebswirtschaftslehre ist jede plan- und zweckmäßige Betätigung einerArbeitsperson in körperlicher und geistiger Form, die dazu dient,Güter oderDienstleistungen zu produzieren“1 – Wikipedia ist einfacher zu zitieren als Karl Marx. Das Problem des psychosozialen Bereichs ist demnach kurzgefasst, dass hier Dienstleistungen produziert und verkauft werden sollen, während Sie davon ausgehen, dass Sie mit Menschen arbeiten. Den Kindern zu zeigen, wie man ein Puzzle zusammensteckt und sich die Zähne putzt, oder damit umzugehen,