Provence – Sonntag, 13. Juli
Die Glocken der Abtei Saint-Michel-de-Frigolet, die zur Morgenmesse riefen, klangen an diesem Sonntag gerade so, als läuteten sie direkt in Margeaux Surfins Schlafzimmer. Prompt hörte sie auch, wie Michels Wagen ansprang und der drahtige Nachbar in seinen Wagen stieg, um dem Ruf zur frühmorgendlichen Messe zu folgen. Margeaux presste ihr Kopfkissen an sich und wagte mit leicht geöffneten Augen einen Blick in Richtung Fenster. Dabei begegnete sie Willis leuchtend braunen Augen. Er schien zu lächeln, wohl wissend, dass er nichts unter ihrer Decke zu suchen hatte.
Es war wieder einmal spät geworden, während sie in die Kapitel eines Fachbuches über das spannende Konzept der Mimikresonanz vertieft gewesen war. Ihre intuitive Fähigkeit, Emotionen im Gesicht ihres Gegenübers zu entschlüsseln, war ihr schon oft zugutegekommen und hatte ihr häufig einen nicht zu unterschätzenden Wissensvorsprung verschafft. Dies nun noch um eine weitere Komponente auszubauen, erschien ihr als nächster Entwicklungsschritt schlüssig. Die Methode befasste sich unter anderem damit, die Beobachtungen auch mit den wirklich richtigen Worten zu verbalisieren, also die Emotion, die sie treffsicher erkannt hatte, auch mit dem richtigen Gefühlsbegriff zu benennen. Unbewusst hatte sie diese Vorgehensweise schon häufig angewendet, aber sie mochte es, wenn etwas auch wissenschaftlich fundiert war. Und es war wirklich spannend, sich selbst zu überprüfen: Passten die gewählten Worte tatsächlich zur Emotion, oder lag man einfach manchmal daneben, weil die Begriffe schwer abzugrenzen waren.
Gern hätte sie heute etwas länger geschlafen, aber nun war es bereits neun Uhr, und Willi forderte energisch seine Rechte ein. Mittlerweile war er mit einem elastischen Satz vom Bett gesprungen und kratzte erwartungsvoll an der Tür.
Margeaux kapitulierte vor der geballten Macht des willensstarken Vierbeiners und der frühen provenzalischen Sonne. Langsam schälte sie sich aus ihrem Laken und stolperte ins Bad. Der Dackel fiepte derweil in aufgeregter Vorfreude an der Tür.
Mit geputzten Zähnen und Kontaktlinsen in den Augen schlüpfte Margeaux in ihre Laufsachen, band die wuschelige Lockenpracht auf ihrem Kopf zu einem schnellen Zopf zusammen und war nun fast bereit, es mit dem Tag aufzunehmen. Es fehlte nur noch das lebensnotwendige morgendliche Koffein.
Am Fenster ihres im ersten Stock liegenden Schlafzimmers blieb sie kurz stehen und nahm die geliebte Natur in sich auf: den Glanz, den die Sonne auf die Felsen zauberte, und das diesige Licht, das die Fernsicht irgendwie klarer werden und die Türme des Klosters Saint-Michel-de-Frigolet aus dem Panorama hervorstechen ließ. Der spärliche Bewuchs der Landschaft, der sich noch lange nicht von dem Feuer erholt hatte, das nun mehr als ein Vierteljahrhundert zurücklag, gab der Umgebung ein karges Aussehen.
Als sie im Januar hier angekommen war, hatte sie sich einfach nur verkriechen wollen, ihre Wunden lecken oder, noch besser, sich ihrer Traurigkeit ergeben.
Willi sprang an ihr hoch, eine Unart, die sie dem jungen Dackel unbedingt noch abgewöhnen wollte, und holte sie zurück in die Realität. Unten hörte sie schon Geklapper in der Küche, und der Duft von frischem Kaffee zog durchs Haus. Was würde sie nur ohne Hilde machen? Sie konnte sich keine bessere Haushälterin vorstellen als ihre französische Ersatzmutter. Schon seit Mitte der Siebzigerjahre waren Hilde und ihr Mann Aimé – der örtliche Polizist – Freunde der Familie und nicht mehr aus ihrem Leben wegzudenken. Ein heißer Sommer und viel Mut hatten zu dieser Freundschaft auf Lebenszeit geführt.
Hilde war Margeaux lieb und teuer, was aber nicht bedeutete, dass ihre eigene Mutter ihr weniger wert war. Ganz im Gegenteil: Die häufige Abwesenheit von Marie-Louise während Margeau’ Kindheit hatte zu einer tiefen Liebe, zusätzlich angefüllt von großer Sehnsucht, ge