1. Kapitel
Lee
Worauf hatte ich mich nur eingelassen?
Ich warf einen verärgerten Blick zu Ella, die zwei Tische weiter vergnügt vor sich hin lächelte und immer wieder ihr »Nummernschild«, das ihr seitlich über die Brust geklebt worden war, glatt strich. Von diesem kleinen Tick abgesehen war sie die Ruhe in Person. Souverän wie immer. Ganz im Gegensatz zu mir.
Um ehrlich zu sein, bereute ich, dass ich überhaupt mit ihr nach Notting Hill gefahren war.
»Du wirst sehen, es wird dir guttun, endlich mal wieder rauszukommen. Andere Mütter haben auch schöne Söhne, oder?«, hatte sie gesagt. Und weiter: »Ein Jahr, Lee, ein Jahr bist du schon Single und hast dich keinen Zentimeter aus deinem Schneckenhaus gewagt. So kann’s nicht weitergehen.« Doch, meinetwegen ganz sicher. »Du musst ja nicht gleich heiraten.« Oh, vielen Dank, wie gnädig. »Du wirst mir noch dankbar sein, versprochen!« Ich war alles andere als dankbar!
»Außerdem wollte ich heute Abend weiter an dem Kleid für Lady Campbell arbeiten!«
»Irgendwann ist auch mal Feierabend, Lee!« Und dann hatte meine große Schwester mich vor sich her bugsiert und in ihr Auto verfrachtet. Manchmal hatte ich den Eindruck, Ella glaubte, für das Glück der ganzen Welt verantwortlich zu sein.
In ihren Augen war es ein unhaltbarer Zustand, dass wir beide Single waren! Eigentlich verstand ich nicht, warum die Männer Ella nicht die Tür einrannten. Sie sah blendend aus! Mit ihren knapp Einsachtzig wirkte sie jedoch womöglich ein wenig einschüchternd … Und so hatte sie auf dem üblichen Weg – anstarren und anquatschen – die Herren mit ihrer Zielstrebigkeit verschreckt, also hatte sie entschieden, etwas Neues auszuprobieren: Speeddating! Da waren sich wenigstens alle einig, was sie wollten.
Ernsthaft – ich hätte sofort das Weite suchen und mich nicht breitschlagen lassen sollen.
Nun saßen wir also hier, im Restaurant der bekannten Hotelkette Ariana, einer der nobelsten Adressen in ganz London, zwischen goldenen Kerzenständern und marmorierten Säulen. An den Wänden hingen wertvolle Gemälde von anno dazumal und von der Decke baumelten gleich mehrere Swarovski-Kronleuchter. Und wenn ich mich hier so umsah: Ein vornehmes Ambiente zog vornehmes Publikum an. Trug die eine Frau wirklich ein Abendkleid, echt jetzt? Ich fühlte mich absolut deplatziert.
Ich war nicht vornehm, sondern ein normales Mädchen aus einem von Londons kargen Randbezirken – und stolz darauf! Okay, vielleicht nicht ganz »normal«, aber definitiv nicht vornehm.
Und nicht nur das Ambiente, auch der Grund unseres Besuchs hier passte mir nicht: Denn eigentlich war ich zufrieden mit meinem Leben, wie es war. Ich hatte nach meiner Trennung von Jack keine Ambitionen meinen Beziehungsstatus zu verändern. Ich fühlte mich wohl. Zum ersten Mal so richtig frei. Irgendwie war ich seit der Schulzeit immer nur von einer Beziehung in die nächste gerutscht. Dieses eine Jahr nur mit mir selbst hatte mir gutgetan. Ich hatte das Gefühl, mich richtig kennengelernt, neue Vorlieben und Interessen entdeckt zu haben. Ich kochte gern Griechisch, entwarf eigene Mode, was ich mir früher nicht zugetraut hatte, denn das war immer das Revier meiner großen Schwester gewesen. Ich fühlte mich angekommen in meinem neuen Job. Vor Jahren noch hätte meine Schwester sich nie mit mir geschäftlich verbunden.