Ride, Sally, Ride
Das Sonnenlicht gießt in langen Bahnen flüssigen, goldgelben Honig über die Flanken der Vulkane. Das Meer schiebt Wellen mit blitzweißen Schaumkronen an den Strand. Kompromisslos und ohne Zwischentöne sind die Farben, ohne ineinanderlaufende, abschwächende Abstufungen. Blau ist Blau, doch der Himmel, ermattet von der Nacht, färbt sich rosa am Horizont.
Der Wagen folgt dem gewundenen Straßenverlauf durch die Kakteenfelder Richtung Flughafen. Der Abschied fällt mir jedes Mal schwer. Ich weiß nie, wie ich die Insel das nächste Mal wiederfinde.
Sie ist ein modernes Atlantis. Langsam ist es im Versinken begriffen. Es verschwindet nicht im Meer, zischend in der Gischt, nach einem Vulkanausbruch, sondern in grauen, zähflüssigen Massen aus Beton und Fliesenkleber, die Tag für Tag in hartnäckiger Betriebsamkeit an Hunderten Orten angemischt, gerührt und schließlich verteilt werden, um immer gleiche Wohnkäfige zu schaffen. Sie überziehen das Land wie eine harte, weißgetünchte, großporige Haut. Gangränös kriechen sie über die letzten unberührten Flecken. Apartments, Hotels, umgeben von Mauern und Garagen, ragen als dicke Pickel heraus und vermehren sich wie eine Schimmelschicht.
Viele verrotten schneller, als sie bewohnt und dann saniert werden können. Manche werden nicht fertiggestellt, weil die Baugenehmigung mangels Bestechungsgeldern fehlt. Löchrige Betongerippe stehen als gottverlassene Mahnmale der Gier an den schönsten Plätzen der Insel.
›Nobel geht die Welt zugrunde‹, sagt man. Der Untergang von diesem Atlantis jedoch kennt keinen Glanz. Keine prunkvolle Architektur ist es, die hier in sich zusammenfällt, sondern Billigzement zieht sich wie Kaugummi über Millionen Jahre altes Gestein. Keine in der Auflösung ihrer Traditionen begriffene Gesellschaft tanzt hier frenetisch bis zur Selbstaufgabe, aller Regeln spottend auf dem Vulkan. Nein. Stumm sitzen vom Leben ermattete Ehepaare aus Festlandeuropa einander in Billigbodegas gegenüber und warten auf das Ende des Urlaubs. Zu träge für Auflehnung und Protest. Der Hauch des Todes liegt über den Kneipen, dringt in die versulzten Körper, die gleich dem Beton der Häuser zur Unbeweglichkeit erstarrt sind.
Isa und ich halten uns zumeist im wilden, unwegsamen Norden auf. Hier dehnen sich Lavafelder aus, in die sich bislang nur einzelne Häuser geschlichen haben. Das Meer donnert an die Felsen, und die Gischt wird vom Wind verweht. Aber es gelingt auch uns nicht, die Touristenorte ganz zu meiden. Unweigerlich zieht es uns hie und da doch an die Costa. Ein berühmter Architekt hat dort ein künstliches Pueblo Marinero gebaut. Darin befinden sich Restaurants, Souvenirläden und Pubs. Nichts Originelles. Auch hier spiegeln sich Ödnis und Leere in den Gesichtern der Menschen, die schweigend hinter ihren neongrellen Cocktails sitzen.
Touristische Tristesse. Doch einmal gab es einen Abend, der anders war. Wir streiften wieder einmal an den Lokalen vorbei. Da war plötzlich bunte, lustige Akkordeonmusik zu hören. Auch eine Flöte wirbelte frech in hohe Tonlagen hinauf. Eine Frauenstimme jubilierte. Leute klatschten. Wir blieben stehen.TheIrish Fiddlerstand in verblassten, grünen Lettern auf der gekalkten Außenwand geschrieben. Es schien mir, als hätte ich dieses Pub noch nie gesehen, es stand wie aus dem Nichts g