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Lautes Schnurren in ihrem Nacken weckte Nanja. Schon wieder hatte sich eine der Katzen in die Kajüte geschmuggelt. Ohne die Augen zu öffnen, griff sie hinter sich und schob das Tier aus dem Bett.
Eindeutig der zimtbraun gefleckte Kater: Es war seine empörte Stimme, die für einen Moment alle anderen Schiffsgeräusche übertönte. Kurz darauf fiel etwas klirrend zu Boden. Nanja rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht und schwang die Beine aus dem Bett. Der Kater saß auf dem Kartentisch. Wieder einmal. Er maunzte vorwurfsvoll.
Nanja warf ihm einen ebenso vorwurfsvollen Blick zu und hob die Halskette mit dem Solstein auf, die er heruntergeworfen hatte. Dann öffnete sie das breite Kajütenfenster und beugte sich hinaus.Wie eine Katzeflehmte sie nach einer Brise; die aufgehende Sonne ließ sie blinzeln.Die See war noch immer glatt, aber das Plätschern gegen den Schiffsrumpf schien ein wenig lauter als in den letzten Tagen. Vielleicht der erste zaghafte Vorbote von Wind.
Sie schnürte das lange Hemd zu, in dem sie geschlafen hatte, und entwand dem Kater ein paar Seidenbänder, so grün wie ihre Augen. Das Glas des geöffneten Fensters als Spiegel vor sich, flocht sie die Bänder in die hüftlangen braunen Haare. Dann zog sie einen bunten Leinenrock über den Kopf, schlüpfte in Stiefel und steckte ihren eisernen Dolch in den Gürtel. Den Kater klemmte sie unter den Arm, bevor sie die Kajüte verließ. „Geh, mach deine Arbeit und kümmere dich um die Ratten.“
So früh am Morgen waren viele Seeleute noch unter Deck. Solange die Flaute anhielt, konnten sie den Tag gemächlich angehen lassen. Die Arbeit an Bord eines Segelschiffs war oft anstrengend genug.
Kethan, der junge Bootsmann von den Schwimmenden Inseln, stand neben dem Achterdeck am Schanzkleid, den grimmigen Blick auf das bewegungslose Toppsegel am Großmast gerichtet. Er sah zu ihr, als sie die Tür hinter sich schloss. „Was will Margoro eigentlich mit diesen Tieren?“
Beim Großmast, vor dem Achterdeck der Brigantine, war ihre kostbare Fracht untergebracht: Pferde, die sagenhaften Renntiere vom Festland. Von den Weiden der Sabienne in Thannes Lane hatten sie eine Herde von dreizehn Tieren an Bord der „Agena“ gebracht: ein männliches Tier –Stallone nannten es die Sabienne –von beeindruckender Anmut und zehn Weibchen. Zwei von ihnen hatten Junge, die nun ebenfalls an Bord waren, denn Nanja hatte es nicht übers Herz gebracht, die zutraulichen Tiere sich selbst zu überlassen.
Nanja setzte den Kater ab; er huschte Richtung Kombüse davon. „Seit wann denkt ein Adliger darüber nach, wozu er etwas braucht? Hauptsache, er hat es.“
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