ZWEI WOCHEN SPÄTER
1. KAPITEL
Louisa
Sternenstaub vor tiefem Schwarz war alles, was ich sah, als ich die Augen fest zusammenkniff.
Als hätte ich mich daran verbrannt, hatte ich das Handy wieder zurück in meinen Rucksack gleiten lassen, so weit nach unten wie nur möglich. Doch da war es bereits zu spät gewesen, da hatte ich mit dem Daumen schon aufSenden geklickt. Langsam stieß ich die Luft aus, die ich unbewusst angehalten hatte. Es war nichts Falsches daran, Paul zu schreiben.
Ich wollte unbedingt an etwas anderes denken, als ich die Augen langsam wieder öffnete und meine Finger um den heißen Kaffeebecher vor mir schloss. Ich ließ mich damit tiefer in den weichen Sessel sinken. Die Sonne schien hell durch die beschlagenen Fenster direkt auf den dunklen Holztisch mit der alten Ausgabe vonMadame Bovary darauf. Ich hatte sie auf einem Flohmarkt entdeckt und beim ersten Mal Lesen mit beinahe schon unleserlichen Notizen am Rand versehen. Daneben wie immer mein Notizbuch, um die schönsten Wörter und Sätze zu sammeln, denen ich im Laufe des Tages begegnen würde. Vielleicht auch in und zwischen den Zeilen von Emmas Geschichte.
Ich leckte mir den Milchschaum von den Lippen und betrachtete die im Sonnenlicht rot schimmernden Wände und den feinen Staub, der durch die Luft tanzte. Doch keine Sekunde später sprangen meine Gedanken wieder zurück zu der gerade verschickten Nachricht, auf die Paul mir sowieso nicht antworten würde. Genauso, wie er es auch auf all die anderen nicht getan hatte, seit er mich im Krankenhaus einfach gebeten hatte, zu gehen.
Hier im Café zu sitzen und auf Aiden zu warten war fast schon ein Déjà-vu, eine Wiederholung meines zweiten Tages auf dem Campus. Selbst die Tatsache, dass Aiden immer noch nicht aufgetaucht war, obwohl wir schon vor fünfzehn Minuten verabredet gewesen wären. Und gleichzeitig war alles anders. Dieser laue Septembertag, an dem Trish mich gefragt hatte, wann ich im Firefly zu arbeiten anfangen könnte, erschien mir inzwischen unendlich weit weg.
Eine leichte Berührung an der Schulter riss mich aus meinen Gedanken. Aiden. Mit dem Gitarrenkoffer in der einen und einem Kaffee in der anderen Hand stand er vor mir und seine Lippen kräuselten sich zu einem entschuldigenden Lächeln, als er die Gitarre an den grünen Sessel mir gegenüber lehnte, mich kurz an sich drückte und sich dann in die Polster fallen ließ.
»Ich dachte schon, du würdest mich wieder versetzen«, sagte ich und zog bemüht ernst eine Augenbraue hoch, während ich meinen Cappuccino auf dem Tisch abstellte.
»Komm schon, Lou«, grinste Aiden, »als ob ich dich jemals versetzten würde!« Mit einem belustigten Ausdruck in den blauen Augen fuhr er sich durch die ohnehin schon zerzausten blonden Haare. Geschmolzener Schnee glänzte darin. »Hast du das nicht letztens erst gelesen?«, wollte er wissen und deutete auf das Buch, das zwischen uns auf dem Tisch lag.
Amüsiert folgte ich seinem Blick. »Na und?«
Aiden verschränkte die Arme vor der Brust. »Wird das nicht irgendwann langweilig?«
Ich schnaubte: »Wir beide sehen uns gefühlt jeden Tag zusammenGame of Thrones an. Wirddas nicht langweilig?«
»Verdammt«, Aiden lachte, »du hast recht: Wird es nicht. Aber es ist eben auchGame of Thrones, also …« Er ließ den Satz in der Luft hängen und zuckte mit den Schultern.
»Beim Lesen ist es genauso. Man kennt die Geschichte zwar irgendwann in- und auswendig, weiß genau, was wann passiert«, erklärte ich dankbar für dieses unverfängliche Gesprächsthema, »aber mit jedem Mal fallen einem mehr von diesen Kleinigkeiten auf. Diese winzigen Puzzleteile, die sich nach und nach zusammensetzen. Wie viel Bedeutung in manchen Stellen steckt, wenn man das Ende e