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DER SESSHAFTE NOMADE
Noo war die ganze Nacht nicht nach Hause gekommen, und Siri fragte sich, ob das zwangsläufig zu bedeuten hatte, dass etwaspassiert war. Jedenfalls lag der Waldmönch nicht wie sonst auf der hinteren Veranda und schlief. Aber da er ja angeblich ein Wandermönch war, gab es vermutlich keinen Grund zur Sorge. Siri hatte Noo immer wieder damit aufgezogen, dass er für einen Nomaden recht sesshaft sei. Und tatsächlich hatte Noo seit seiner Flucht nach Laos keinen Fuß mehr vor das Gartentor gesetzt. Wahrscheinlich handelte es sich um bloßes Trotzverhalten. Zugegeben, dass sein Verschwinden zeitlich mit der Nachricht zusammenfiel, war vielleicht etwas zu viel des Zufalls, dennoch beschloss Siri, erst einmal in Ruhe abzuwarten, bevor er etwas unternahm.
Weitaus größere Schwierigkeiten bereitete es ihm, Richter Haengs Memos zu ignorieren. Stücker drei schon vor dem Morgenkaffee! Er radelte über den ausgestorbenen Samsenthai Boulevard, und Köter trottete neben ihm her. Der Doktor war im Osten aufgewachsen und im Teenageralter nach Frankreich gegangen. Nach seiner Rückkehr hatte er als Feldarzt in den Provinzen gearbeitet. In die Hauptstadt war er erst 1975 einmarschiert, zusammen mit den Revolutionären Streifkräften. Ein Großteil der Bevölkerung war geflohen, und die meisten Geschäfte hatten dichtgemacht. Er kannte das Zentrum Vientianes nur als menschenleere Geisterstadt und vermochte sich die rauschhafte Zeit der Clubs, der Drogen und der Prostitution nicht einmal vorzustellen: amerikanische Dollars, Touristen und Läden, in denen es interessante Dinge zu kaufen gab. Er bog in die Lane Xang Avenue. Es war später Vormittag, und er und Köter waren allein auf den laotischen Champs-Élysées.
Der Richter kauerte in einer Ecke seines justizministerialen Dienstzimmers. Als Siri die Tür aufstieß, schrie Haeng vor Schreck laut auf und ließ die Akte fallen, in der er zum Schein gelesen hatte.
»Siri«, fragte er, »warum die Verspätung?«
»Mangelndes Interesse«, sagte der Doktor.
Steif hievte der Richter sich von seinem Badhocker. Wie ein Greis schleppte er sich an seinen Schreibtisch und plumpste in seinen gepolsterten Kunstledersessel.
»Sparen Sie sich Ihre Witze«, sagte er. »Ich habe zwei Nächte kein Auge zugetan. Ich trage mich ernsthaft mit dem Gedanken, einen befreundeten Psychologen in Hanoi zu konsultieren.«
»Das ist aber eine ziemlich weite Reise, nur damit Ihnen jemand attestiert, dass hinter Ihrer Stirn die eine oder andere Schraube locker sitzt.«
»Was meinen Sie, Siri? Bin ich verrückt?«
»Ohne den geringsten Zweifel.«
»Aber Sie haben ihn doch auc