Kapitel 2
Wie man sein Leben verändert: Epigenetik in der Praxis
Diese Leute machen mich noch krank!
»Sich in der eigenen Haut wohl fühlen«, »die Galle kommt einem hoch«, »eine Laus ist einem über die Leber gelaufen«, »die Schnauze voll haben« … Seit langem haben Wissenschaftler und Mediziner die Krankheiten beziehungsweise die körperlichen und geistigen Fehlfunktionen, die man als psychosomatische Krankheiten bezeichnet, die also aus einer grundlegenden Verbindung von Geist und Körper resultieren, unterschätzt, um nicht zu sagen: vernachlässigt.
Um die wissenschaftlichen Grundlagen dieser Fehlfunktionen zu verstehen, musste man erst die Arbeiten von Rita Levi-Montalcini abwarten, einer großen italienischen Forscherin und Trägerin des Nobelpreises für Medizin 1986; sie starb in Rom am 30. Dezember 2012. Dank der »Psycho-Neuro-Immunologie«, einer neuen und sehr fruchtbaren Disziplin, deren weltweite Pionierin sie war, hat sie die engen Beziehungen zwischen dem hormonellen Netzwerk, dem Nervensystem und dem Immunsystem gezeigt, die das Funktionieren unseres Körpers regulieren. Diese drei Netzwerke kommunizieren ständig miteinander, vor allem über den Weg der Hormone, die von einem dieser Systeme produziert und von den Rezeptoren der Zellen der anderen Systeme empfangen werden. Der große wissenschaftliche und medizinische Fortschritt, den wir Rita Levi-Montalcini verdanken, besteht darin, dass sie gezeigt hat, wie und warum eine schlechte Kommunikation zwischen den drei Netzwerken Krankheiten bei Erwachsenen beziehungsweise Entwicklungsstörungen bei Kindern bewirken kann. Bereits 1952 hat sie den nervlichen Wachstumsfaktor isoliert, der Krebszellen wachsen lässt.26
Oft sprechen wir von unseren »psychosomatischen« Krankheiten – z. B. über die Art und Weise, wie eine Auseinandersetzung mit dem Vorgesetzten, eine politische Diskussion mit Freunden oder der Unfall eines uns Nahestehenden unsere geistige und körperliche Verfassung beeinflussen konnten. »Das hat mich krankgemacht« ist ein klassischer Ausdruck, der in diesem Zusammenhang verwendet wird. Er besagt, dass wir ermessen, wie sehr unsere Psyche und unsere Stimmung einen Einfluss auf unser Wohlbefinden haben. »Positiv denken« bestimmt die Art und Weise, wie wir uns wahrnehmen und die Welt um uns empfinden. Was wir vielleicht weniger wissen, ist, dass wir mithilfe der Epigenetik negative »psychosomatische« Prozesse neu ausrichten können, und zwar in eine Richtung, die sich auf unsere Gesundheit und unser seelisches Gleichgewicht positiv auswirkt.
Ich werde Ihnen zeigen, wie Sie Epigenetik praktisch einsetzen können. Das Geheimnis liegt in den fünf Begriffen, die die Grundlage der folgenden Kapitel bilden: Ernährung, Sport, Anti-Stress, Vergnügen, Harmonie.
Eine ausgeglichene Ernährung, körperliche Betätigung, Stressreduktion, die Suche nach Vergnügen und Harmonie innerhalb des menschlichen, sozialen und familiären Netzwerks: Das sind die fünf miteinander verbundenen »Schlüssel« für ein langes Leben und für das körperliche und seelische Gleichgewicht, deren Auswirkungen für unsere Gesundheit bestimmend sind. Sie begünstigen die Produktion einer bestimmten Anzahl von Biomolekülen, die, indem sie in den Zellkern eindringen, die Genexpression beeinflussen, weil sie vor allem die Histone modifizie