»Komm schon, Kumpel, mach die Tür auf! Oder willst du, dass ich nebenan auf die Klobrille steige und zu dir rüberklettere?« Jacob rüttelte an der Klinke, aber hinter der Tür blieb es still.
Jimmy war schon immer ein ruhiges Kind gewesen, so ruhig, dass es Jacob manchmal unheimlich war. Wie konnte ein fünfjähriger Junge derart lange stillsitzen, ohne auch nur einen Mucks von sich zu geben? Kein Rascheln, kein Knacken, nicht einmal das Geräusch von Atemzügen drang aus der Kabine nach draußen. Wenn Jacob nicht die kleinen glänzenden Lederschuhe unter der Tür gesehen hätte, die Sarah ihrem Sohn für diesen Abend gekauft hatte, hätte er schwören können, die Kabine wäre leer.
Vor ein paar Wochen hatte Jimmy sich schon einmal im Bad eingeschlossen, allerdings zu Hause und nicht in einer Hoteltoilette, die nach einer aufdringlichen Mischung aus Zitrusfrüchten und Rosenwasser roch. Jacob hatte Karten für eine Motocross Show gehabt, zu der auch Markus mit seinem Sohn kommen wollte. Aber Jimmy hatte sich beharrlich geweigert, die Badezimmertür zu öffnen.
»Er fürchtet sich vor dem Motorenlärm«, hatte Sarah sich irgendwann eingemischt, obwohl er sie nicht darum gebeten hatte.
Motorenlärm? Unsinn! Welcher Junge begeisterte sich nicht für fliegende Motorräder, explodierende Auspuffrohre und Schlammspritzer im Gesicht? Sarah hatte keine Ahnung von den Bedürfnissen eines fünfjährigen Superhelden!
Dennoch war Jacob am Ende ohne Jimmy zu der Show gegangen. Markus hatte er erzählt, der Kleine läge krank im Bett …
Aber diesmal würde er nicht nachgeben!
»Also gut, Kumpel, du hast es nicht anders gewollt!« Zielsicher warf Jacob sein Sakko auf eines der Waschbecken und krempelte die Hemdsärmel hoch. »Ich komme jetzt rüber zu dir! Aber eins solltest du wissen: Meine Anzughose ist verdammt eng, und es könnte passieren, dass sie reißt, wenn ich jetzt über die Wand steige. Dann muss ich mit einem riesigen Loch am Hintern zur Preisverleihung!« Er lehnte sich an die Kabinentür. »Und so ziemlich die ganze Welt wird vor dem Fernseher sitzen und sehen, dass ich die Bärchenunterwäsche trage, die deine Großmutter mir zu Weihnachten geschenkt hat!«
Jacob hielt einen Moment inne – und tatsächlich, er hörte es. Leise nur wie ein Flüstern, aber: Jimmy lachte! Jetzt war der Rest ein Kinderspiel! »Glaubst du mir etwa nicht?« Beinahe musste auch er lachen, aber er bemühte sich um einen mahnenden Ton.
»Mm-mm.«
»Mm-mm? Soll dasNein heißen? Du glaubst mir nicht, dass ich gleich zu dir rüberkomme?« Er klopfte an die Tür.
»Ich glaub dir nicht, dass du die Bärchenunterhose anhast.«
»Wenn du die Tür öffnest, beweise ich es dir!«, w