: Daniel Wolf
: Im Zeichen des Löwen Historischer Roman
: Goldmann Verlag
: 9783641224769
: Friesen-Saga
: 1
: CHF 8.90
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 928
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Friesland 1351: Schiffe zu bauen – das war schon immer der Traum des junge Zimmermanns Jann Wilken. Mit seinen genialen Ideen will er die Seefahrt revolutionieren und sich in den Häfen der Hanse einen Namen machen. Aber Jann hat es nicht leicht. Er ist der uneheliche Sohn des mächtigen Wilke Tammen Osinga, der den Bastard verabscheut und täglich erniedrigt. Der jähzornige Wilke führt eine Blutfehde gegen seinen Erzfeind Enne Rycken und zieht seine Söhne in den Konflikt hinein. Jann ist seit langem heimlich in seine Jugendfreundin Jorien verliebt. Doch als er ihr endlich seine Gefühle gestehen will, wird sein Dorf von Enne angegriffen, und es kommt zur Katastrophe ...

Daniel Wolf ist das Pseudonym von Christoph Lode. Der 1977 geborene Schriftsteller arbeitete zunächst u.a. als Musiklehrer, in einer Chemiefabrik und in einer psychiatrischen Klinik, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Mit den historischen Romanen um die Händlerfamilie Fleury, »Das Salz der Erde«, »Das Licht der Welt«, »Das Gold des Meeres« und »Die Gabe des Himmels«, gelang ihm ebenso der Sprung auf die Bestsellerlisten wie mit den zwei Bänden der Friesensaga »Im Zeichen des Löwen« und »Im Bann des Adlers«. Der Autor lebt in Speyer. Weitere Titel von Daniel Wolf sind bei Goldmann in Vorbereitung.

Kapitel eins


Esens

Enne träumte von Geistern. Es war derselbe Albtraum, der ihn beinahe jede Nacht heimsuchte. Kaum war er eingeschlafen, erschienen ihre bleichen Gesichter in der Dunkelheit, vernahm er ihr Wehklagen, ihre gewisperten Gebete, die niemand erhörte.

Er erwachte mit rasendem Herzen. Still lag er da und wartete darauf, dass die Geister verschwanden. Als der Traum endlich verblasste, setzte er sich auf und rieb sich das stopplige Kinn. Das durchgeschwitzte Untergewand klebte ihm an der Brust. Sein Rachen war ganz ausgedörrt. Er tastete nach der Kanne und trank etwas Wasser.

Irgendwo schmatzte jemand, ein Strohsack raschelte. Enne und seine Leute hatten die Herberge für sich. Die Krieger, das Bauernpaar und der Vikar schliefen noch. Leise zog er sich an und suchte sich einen Weg zwischen den liegenden Körpern hindurch. Der Hof lag still. Das Tageslicht war noch derart schwach, dass er kaum den Ziehbrunnen und die Wagen vor dem Stall erkennen konnte. Enne atmete tief ein und aus. Die kalte Luft vertrieb die letzten Traumfetzen. Die Wut aber blieb. Er war mit ihr schlafen gegangen und mit ihr aufgewacht. Immerzu hockte sie in seiner Brust, umklammerte seine Rippen und bleckte die Zähne. Knurrend sprang sie jeden an, der sie reizte. Ungeschickte Diener. Faule Knechte. Gierige Zöllner. Ganz Duvelslond fürchtete Ennes Wut. Manchmal betäubte er sie mit Wein.

Esens verstand sich besonders darauf, seinen Zorn zu wecken. Hier gab es allerhand Diebsgesindel und unverschämtes Volk. Aber es war der größte Markt weit und breit. Nirgendwo sonst in Harlingerland fand er so leicht Abnehmer für seine Waren. In nur zwei Tagen hatte er eine Wagenladung Wolle, Torfsalz und Pökelfleisch sowie ein halbes Dutzend Kälber verkauft. Die Fehde hatte seine Schatullen geleert. Er brauchte dringend frisches Geld.

Er hörte leises Klappern und ging hinein. Der Wirt hatte Feuer gemacht, und während er gähnend im Kessel rührte, kam Leben in die Gaststube. Die Krieger kratzten sich schlaftrunken, verfluchten das Ungeziefer in den Strohsäcken und schlurften zum Wasserfass, wo sich der Vikar gerade wusch. Der Geistliche war ein zappliges Männlein, dessen viel zu großer Kopf auf dem dünnen Hals wackelte. Er wuselte den ganzen Tag umher und hielt einen nur auf mit seinem Geplapper. Enne bereute es, dass er dem Kerl erlaubt hatte, ihn nach Esens zu begleiten.

Er setzte sich ans Feuer und wärmte seine klammen Hände. Der Wirt reichte ihm einen Napf mit gesalzener Grütze. Enne stocherte eine Weile darin herum und stellte die halb volle Schale schließlich weg. Er war kein großer Esser – meist genügten ihm ein paar Bissen, um satt zu werden. Manchmal aß er fast den ganzen Tag nichts, weil er schlicht nicht daran dachte. Das sah man ihm an. »Du bist dürr wie der Schnitter«, pflegte seine Schwester zu spotten. Sie musste es wissen: Alke Rycken war mit unheimlichen Mächten im Bunde, womöglich gar mit dem Tod selbst.

Der Vikar setzte sich zu ihm und berichtete fröhlich von seinem Besuch im Kloster