Kapitel 1
DasWhispering Dress ist kein gewöhnlicher Brautmodenladen. Es gibt hier keine überdimensional großen Schilder mit der Aufschrift »PAY HERE«. Keine Sammelumkleiden, in denen sich halbnackte Bräute drängen, die alle auf das gleiche weiße Satinkleid in Schwalbenschwanz-Optik spechten, während sie verstohlen auf die Vorzüge und Problemzonen anderer Kundinnen schielen. Keine aufdringliche Verkäuferin, die einen beschwatzt, mehr auszugeben, als das Budget hergibt, oder was auch immer zu kaufen, bevor es vielleicht weg ist. Und erst recht gibt es keine seelenlose Kleiderschiene mit schier endlosen Metern wallendem Weiß, übervoll mit dicht hintereinandergequetschten Kleidern, die von den Bügeln rutschen, jedes anders und doch alle gleich – eine eintönige Reihe für die heiratswütige Masse.
Nein. In diesem Laden hängt jedes Kleid für sich. Jedes Kleid ist anders. Jedes Kleid hat seine Geschichte. Schließlich sollte das wichtigste Kleid im Leben einer Frau immer ein ganz besonderes Wort mitzureden haben.
Draußen bleibt eine neue Kundinstehen. Sie späht durch das Schaufenster des prächtigen viktorianischen Hauses, und fasziniert bleibt ihr Blick an der Auslage hängen – antike Spitze, Satinschuhe und uralte Lederkoffer, die von Hochzeitsreisen anno dazumal erzählen: von einer Spazierfahrt entlang der Amalfiküste in einem Aston Martin in den Fünfzigerjahren oder einer Doppelsuite auf einem Ozeandampfer in den Zwanzigern. Sie gerät ins Träumen, schöpft neue Hoffnung, endlich doch noch ein Kleid mit Charakter zu finden – eines, das eine individuelle Note hat und perfekt zu ihr passt. Das Traumkleid schlechthin.
Das Interieur des Ladens überzeugt sie. Wo sie auch hinsieht, sie kommt aus dem Staunen nicht heraus – wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht, eine wahre Schatzhöhle voll wunderschöner Hochzeitssachen: Schleier, Brautkrönchen, Seidenschuhe, Schmuck … hängen an Wänden, wogen von Regalen oder funkeln auf Kommoden. Jedes einzelne Stück ist wohlüberlegt arrangiert, um es in all seiner glanzvollen Pracht in Szene zu setzen. Auf dem Holzfußboden liegt ein ausgeblichener Orientteppich, der Bohemian-Flair verströmt. Von der hohen Holzdecke schaukeln lange Girlanden aus getrockneten weißen Rosen und Orangenblüten, während ein gewaltiger Art-Déco-Lüster den zentralen Raum erhellt und mit seinen kunstvoll geschliffenen Glaselementen ein bewegtes Lichtspiel zaubert, das unwillkürlich Bilder von Palmengärten und Jazz-Quartetten heraufbeschwört. Etliche bodenlange Wandspiegel, jeder einzelne behangen mit Perlen, Bändern und Schleifen, reflektieren das Licht von Wand zu Wand.
Die größten Stars aber sind die Kleider selbst. Sie nehmen ihren Raum mit einer solch starken Präsenz und Strahlkraft ein, dass es scheint, als würden sie jeden Moment zum Leben erwachen und über das Parkett tanzen.
Die Kundin ist keine Expertin, aber sie erkennt sofort ein paar verführerische Stücke aus der Modewelt des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein Ballerinakleid im Stil der Fünfzigerjahre, mit seiner schm