1. KAPITEL
Geht in die Wälder und vergesst Anblick und Erinnerung der Verbrechen eurer Zeitgenossen.
– Jean-Jacques Rousseau
1. Tagebucheintrag
22. September
Wir sind da! Zwei Tage Autofahrt mit einer Übernachtung in Medford, und wir sind endlich da! Und es ist perfekt! Die Häuser stehen tatsächlich im Kreis. Okay, wie denn sonst, aber Sie haben mir gesagt, ich soll nicht lange überlegen, soll nichts überarbeiten, soll nichts löschen und es noch einmal schreiben. Deshalb haben Sie mir auch geraten, von Hand auf Papier zu schreiben. Keine Backspace-Taste. »Schreiben Sie einfach drauflos.« Okay. Meinetwegen. Wir sind da!
Wie schade, dass Frank nicht hier ist. Ich kann es kaum erwarten, ihn heute Abend anzurufen. Er wird sich bestimmt wieder dafür entschuldigen, dass er bei einer Konferenz in Guangzhou festhängt, und ich werde ihm wieder versichern, dass das kein Problem ist. Er hat schon so viel für uns getan! Hat das Haus hergerichtet und die ganzen FaceTime-Video-Führungen gemacht. Er hat recht, dass sie dem Ort nicht gerecht werden. Vor allem dem Wanderweg nicht. Ich wünschte, er hätte heute bei meinem ersten Spaziergang dabei sein können. Es war magisch.
Dan wollte nicht mitkommen. Keine Überraschung. Er sagte, er würde dableiben und beim Auspacken helfen. Er sagt immer, dass er helfen will. Ich erklärte ihm, dass ich mir die Füße vertreten wolle, müsse. Zwei Tage im Auto! Die schlimmste Fahrt aller Zeiten! Ich hätte nicht die ganze Zeit Nachrichten hören sollen. Ich weiß schon, ich soll »das aktuelle Zeitgeschehen dosiert aufnehmen, mich auf die Fakten beschränken und mich nicht hineinsteigern«. Sie haben recht. Ich hätte es nicht tun sollen. Wieder Venezuela, Aufstockung der Truppen. Flüchtlinge. Noch ein Boot in der Karibik gekentert. So viele Boote. Hurrikan-Saison. Wenigstens war es nur im Radio. Wenn ich nicht gefahren wäre, hätte ich wahrscheinlich versucht, es mir auf meinem Handy anzusehen.
Ich weiß. Ich weiß.
Wir hätten zumindest die Küstenstraße nehmen sollen, wie damals, nachdem Dan und ich geheiratet hatten. Ich hätte darauf drängen sollen. Aber Dan dachte, über die Interstate 5 ginge es schneller.
Bäh.
Überall schreckliche industrielle Landwirtschaft. All die armen Kühe, zusammengepfercht in der sengenden Sonne. Der Gestank. Sie wissen ja, wie geruchsempfindlich ich bin. Als wir ankamen, hatte ich das Gefühl, als würde er immer noch in meiner Kleidung hängen, in meinen Haaren, in meiner Nase. Ich musste spazieren gehen, die frische Luft spüren, meine Nackenmuskulatur trainieren.
Ich ließ Dan vor sich hin wursteln und ging den markierten Wanderpfad hinter unserem Haus hinauf. Der Pfad ist wirklich nicht anspruchsvoll, er steigt sanft an, und etwa alle hundert Meter gibt es eine terrassenförmige Stufe aus Holzpflöcken. Er führt am Haus unserer Nachbarin vorbei, und ich sah sie. Die alte Dame. Entschuldigun