: Balli Kaur Jaswal
: Die unglaubliche Reise von Sitas Töchtern Roman
: Goldmann Verlag
: 9783641253110
: 1
: CHF 2.70
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 512
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ausgerechnet Indien! Die pedantische Rajni, die extrovertierte Jezmeen und die zurückhaltende Shirnia sind in London aufgewachsen, und keine der drei Schwestern zieht es in die Heimat ihrer Eltern. Aber just eine Reise nach Indien war der letzte Wunsch ihrer verstorbenen Mutter, also packen sie widerstrebend ihre Koffer. Schon bei ihrer Ankunft in Delhi scheinen sich alle Vorbehalte gegen diese ‎Unternehmung zu bestätigen – und jeder Tag bringt eine neue Krise. Doch sind es gerade diese größeren und kleineren Katastrophen, die den Schwestern schließlich zeigen, dass sie mehr verbindet, als sie je geahnt hätten …

Balli Kaur Jaswal wurde in Singapur geboren und hat rund um den Globus gelebt: auf den Philippinen, in Japan, Russland, den USA, in Großbritannien, Australien und der Türkei. Sie hat als Lehrerin an verschiedenen internationalen Schulen gearbeitet, bevor sie mit ihrem Mann wieder nach Singapur gezogen ist, wo sie sich nun ganz dem Schreiben widmet.

Prolog


Meine liebsten Kinder,

wenn ihr das lest, dann wisst ihr, mein Ende ist gekommen. Ich hoffe, unsere letzten gemeinsamen Augenblicke verliefen friedlich und liebevoll, und ich habe euch sagen können, wie sehr ich jeden Einzelnen von euch liebe und schätze. Wenn nicht, hoffe ich, ihr alle wisst, wie sehr ihr mein Leben bereichert habt. Ich bin so stolz auf euch und auf den Weg, den ihr im Leben eingeschlagen habt. Ich hatte das unbeschreibliche Glück, eure Siege und Niederlagen, euren Herzschmerz und euer Glück miterleben zu dürfen. Euch von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter begleiten zu dürfen hat mir die Möglichkeit eröffnet, viele Leben zu leben, und so kommt es mir heute vor, als hätte ich in meiner kurzen Zeit hier in diesem Universum unendlich viele verschiedene Welten betreten.

Natürlich gibt es einiges zu besprechen, darunter mein Testament und meinen Nachlass, aber dazu kommen wir später. Ich verlasse mich auf die Anwälte, die mit euch über euer Erbe und die Aufteilung von Grundbesitz und Vermögen sprechen werden, sobald sämtliche Formalitäten erledigt sind. Wenn ihr schon vorher mehr wissen wollt, seht bitte in die Anlage.

Bitte gebt gut Acht auf euch und aufeinander. Nehmt euch nicht nur zu besonderen Gelegenheiten Zeit, zusammen zu sein und den Familienzusammenhalt zu stärken. Wenn ich eins gelernt habe, dann, dass es das Wichtigste im Leben ist, einander zu zeigen, wie sehr wir uns schätzen. Denkt daran, es gibt nichts Wichtigeres.

Das war der Brief, den Sita Kaur Shergill die alte Frau aus dem Nebenbett am Telefon diktieren hörte. Mehrmals drohte ihr dabei die Stimme zu brechen, und sie musste kurz innehalten, um zu seufzen und sich umständlich zu schnäuzen. Sita hatte ihren Fernseher etwas leiser gestellt, als die Sache mit den Anwälten kam – am meisten interessierte sie eigentlich, was diese Frau ihren Kindern zu hinterlassen hatte, aber die »Anlage« war von ihrer Seite der Abtrennung aus leider nicht einsehbar. Sie kannte die Kinder vom Sehen. Regelmäßig kamen sie, um ihre Mutter zu besuchen – zwei Söhne mittleren Alters, womöglich Zwillinge, allerdings mit äußerst unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten, sowie eine gutaussehende blonde Frau, die immer dieselben tröstenden Worte sagte: »Wir sind da, Mum. Wir sind da.« Oft kamen sie einzeln und gingen dann zusammen, legten einander die Hand auf die Schulter und plauderten über belanglose Dinge wie Parkplätze oder die stetig nachlassende Qualität der miesen Plörre aus der Krankenhaus-Cafeteria.

Sita drückte den Summer auf ihrer Fernbedienung und bat die Schwester, die daraufhin kam, um nach ihr zu sehen, um einen Stift und ein Blatt Papier. Es war frühmorgens, noch vor Beginn der Besuchszeit. Die beste Zeit, um übers Sterben nachzudenken. Die Schmerzen hatten inzwischen ihren ganzen Körper erfasst, sie strahlten von den Zehen bis in die Schläfen und vibrierten in ihren Knochen. Dem Morphium zum Trotz war der Schmerz allgegenwärtig – an guten Tagen sah sie ihn schemenhaft in den Schatten