EINS
Sie schaut mich an. Ihre blauen Augen sind glasig und blicken flackernd zu ihrem Drink und wieder herauf. Ich schaue mein eigenes Glas an und spüre, wie sie mich beobachtet und sich fragt, ob ich genauso interessiert bin wie sie. Ich schaue zu ihr hinüber und lächle, um ihr zu zeigen, dass ich es bin. Sie lächelt zurück. Ihr Lippenstift ist fast weg; der Rand ihres Glases ist rot verschmiert. Ich gehe hinüber und setze mich neben sie.
Sie schüttelt ihr Haar auf. Farbe und Länge sind nicht bemerkenswert. Ihre Lippen bewegen sich, sie sagt Hallo, und ihre Augen sind jetzt heller. Sie sehen aus, als wären sie von innen beleuchtet.
Körperlich spreche ich sie an, wie ich die meisten Frauen in dieser Bar ansprechen dürfte. Ich bin neununddreißig und ausgezeichnet in Form, habe volles Haar und zwei tiefe Grübchen, und mein Anzug passt besser als jeder Handschuh. Darum hat sie mich angesehen, darum hat sie gelächelt, und darum freut sie sich, dass ich zu ihr herübergekommen bin. Ich bin der Mann, auf den sie es abgesehen hat.
Ich schiebe mein Handy über den Tresen zu ihr.
Hallo. Ich heiße Tobias.
Sie liest und zieht die Stirn kraus, und ihr Blick geht zwischen dem Handy und mir hin und her. Ich tippe noch eine Nachricht.
Ich bin taub.
Ihre Brauen zucken in die Höhe, sie legt eine Hand vor denMund, und ihre Haut färbt sich rosa. Verlegenheit sieht immer gleich aus.
Sie schüttelt den Kopf. Es tut ihr leid. Das wusste sie nicht.
Natürlich wussten Sie es nicht. Woher auch?
Sie lächelt. Aber nicht ganz.
Ich bin nicht mehr das Bild in ihrem Kopf, nicht mehr der Mann, den sie sich vorgestellt hat, und jetzt weiß sie nicht genau, was sie tun soll.
Sie nimmt mein Handy und tippt eine Antwort.
Ich bin Petra.
Freut mich, Sie kennenzulernen, Petra. Sie sind Russin?
Meine Eltern waren Russen.
Ich nicke und lächle. Sie nickt und lächelt. Ich kann sehen, wie die Rädchen in ihrem Kopf arbeiten.
Sie würde lieber nicht bei mir bleiben. Sie will einen Mann finden, der hört, wie sie lacht, und der seine Worte nicht zu tippen braucht.
Gleichzeitig ermahnt ihr Gewissen sie, niemanden zu diskriminieren. Petra möchte keine oberflächliche Frau sein, die einen Mann zurückweist, weil er taub ist. Sie möchte mich nicht ablehnen, wie es schon so viele getan haben.
Das nimmt sie jedenfalls an.
Ih