2. Kapitel
Florence
Montag, 26. Juli 1999
Larry hat etwas auf dem Herzen. Das merke ich immer. Jedes Mal, wenn das Gespräch stockt, weicht er meinem Blick aus, als würde er überlegen, ob jetzt der richtige Moment ist. Bei Larry ist Timing das Allerwichtigste, und wie immer läuft die Uhr. So macht er das. Es gefällt ihm, wenn ich mich in einem Zustand von ihm verabschiede, der irgendwo zwischen neugierig und frustriert liegt. Wenn ich mehr will. Er glaubt, ich komme deswegen immer wieder, dass er auf diese Weise dafür sorgt, dass ich an ihn denke. Ich habe ihm nie gesagt, dass er sich da keine Gedanken zu machen braucht.
Ich denke ständig an Larry.
Hinter mir bricht Streit aus. Eine Trillerpfeife ertönt, irgendjemand bellt einen Befehl. Wir achten nicht darauf.
»Hab Sie in den Nachrichten gesehen«, bemerkt er, und ich weiß, darum geht es nicht. Reine Verzögerungstaktik.
»Und, wie habe ich ausgesehen?«
»Wie immer.«
Larrys schwarzes Haar ist schneeweiß geworden, und seine Haut ist gröber. Die Nase ist ihm mehr als einmal gebrochen worden, und über dem rechten Auge hat er eine wulstige Narbe. Da hat mal jemand versucht, es ihm mit einer Gabel auszustechen. Trotzdem sieht er gut aus. Jeder, der sich fragt, wie Elvis ausgesehen hätte, wenn er siebzig geworden wäre und sein Gewicht in den Griff bekommen hätte, braucht sich bloß Larry anzuschauen.
Ich warte, doch er sagt nichts mehr, und ich werde nicht nachhaken. Nach all der Zeit fühle ich mich bei Komplimenten von Larry noch immer unbehaglich.
Er fängt an zu husten und zieht ein Taschentuch hervor. Ein Taschentuch mit Blutflecken darauf.
»Noch zehn Minuten, Ladys und Gentlemen«, ruft der Wärter. Um uns herum hören wir Vorbereitungen zum Aufbruch. Manche Leute haben noch einen weiten Weg vor sich und sind ungeduldig, wollen möglichst schnell hier raus. Hinter Larrys Kopf sehe ich ein Paar, das sich umarmt.
Larry und ich berühren uns nie. Larry und ich sind kein Liebespaar, kein Ehepaar und keine Lebenspartner. Wir sind nicht miteinander verwandt, noch nicht einmal befreundet. Ich habe keine Ahnung, was Larry und ich sind.
»Was haben Sie auf dem Herzen, Larry?«, frage ich.
Wieder wühlt er in seiner Tasche und schiebt einen schmalen Zeitungsausschnitt über den Tisch. Ich erkenne das viktorianische Gebäude auf dem Foto wieder, und irgendetwas in meinem Innern verkrampft sich. Es geht um Sabden. Eine kleine Industriestadt im Nordwesten. Dort habe ich meine berufliche Laufbahn begonnen.
Fast hätte dort mein Leben geendet.
Der Mittelfinger meiner linken Hand tut weh. Phant