: Wladimir Kaminer
: Tolstois Bart und Tschechows Schuhe Streifzüge durch die russische Literatur
: Wunderraum
: 9783641252823
: 1
: CHF 11.70
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 320
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Kaum ein deutscher Schriftsteller kennt sich besser mit der russischen Literatur aus als Wladimir Kaminer. In seinem neuen Buch erzählt er auf unnachahmlich unterhaltsame und humorvolle Weise von Leben und Werk sieben großer Autoren aus seiner Heimat. Es ist eine Einladung zu einer wunderbaren Entdeckungsreise, die Neugier und Begeisterung für die hier porträtierten Schriftsteller weckt: Fjodor Dostojewski, Leo Tolstoi, Anton Tschechow, Michail Bulgakow, Wladimir Majakowski, Vladimir Nabokov und Daniil Charms.

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Wladimir Kaminerwurde 1967 in Moskau geboren und lebt seit 1990 in Berlin. Mit seiner Erzählsammlung »Russendisko« sowie zahlreichen weiteren Bestsellern avancierte er zu einem der beliebtesten und gefragtesten Autoren Deutschlands.

Tolstois Bart

Früher waren Schriftsteller in Russland nicht nur Teil der Unterhaltungsbranche. Sie waren mehr: der moralische Kompass der Gesellschaft, ihr Verstand, ihre Ehre und ihr Gewissen. Schriftsteller waren die Weichenwärter ihrer Zeit, alle hatten sie zu fürchten und zu respektieren. Die orthodoxe Kirche sah in ihnen eine ernst zu nehmende Konkurrenz, die Monarchen suchten ihre Freundschaft, und die Jugend durchstöberte ihre Bücher, um ihre Neugier auf Weisheit zu stillen. In ihren Werken suchten und fanden die Leser Antworten auf die brennendsten Fragen, die sie quälten. Wozu überhaupt und wenn ja – wie leben? Warum tun so viele Menschen Böses und wollen doch nur das Beste? Wieso müssen wir alle sterben, und was passiert danach? Russische Schriftsteller wussten darüber Bescheid oder taten zumindest so. Die Enttäuschten fanden in der Literatur Trost, die Kämpfer fanden dort ihr Schlachtfeld und die Grübler eine philosophische Begründung für ihr Nichtstun.

Diese Schriftsteller waren berühmter, als es heute Fernsehstars sind. Jeder, der lesen konnte, kannte, liebte oder hasste sie. Der magische Schlüssel, der ihnen so viel geistige Macht verlieh und die Tür in die Köpfe der denkenden Bevölkerung öffnete, dieser Schlüssel lag in ihren Bärten. Das ist zumindest meine persönliche Theorie, die sich ziemlich einfach belegen lässt. Es reicht ein Blick auf die Porträts dieser Klassiker, um festzustellen, dass sie sich nicht rasierten. Alle bedeutenden russischen Autoren trugen Bärte, und je länger der Bart, desto bedeutender der Schriftsteller. Die seltenen Ausnahmen wie Gogol, mit seinem kleinen Schnauzbärtchen, bestätigen nur diese belletristische Regel.

Russische Dichter waren in dieser Hinsicht anders gestrickt als die großen Prosaschriftsteller. Sie waren schräge Vögel mit fein geschnittenen Koteletten an den Backen, die ihren Leichtsinn verrieten. Sie hatten aber auch keine gesellschaftliche Verantwortung zu tragen. Ein echter Schriftsteller hingegen musste sehr viel Haar im Gesicht haben, um ernst genommen zu werden.

In meiner Schulklasse hingen die Schriftstellerporträts oben an der Wand – streng nach wachsendem Bartvolumen: Zuerst Maxim Gorki mit seinem großen Schnurrbart, gefolgt von Tschechow mit mittelgroßem europäischem Bärtchen, danach kam der vollbärtige Dostojewski, und gegenüber der Klassentür hing Tolstoi, der Gott unter den russischen Schriftstellern. Sein ganzes Gesicht war eigentlich ein Bart mit Stirn und zwei glühenden Augen, die durch die Haare leuchteten und jeden Schüler durchbohrten, der das Klassenzimmer betrat.

Es gab sehr viele Bilder von ihm in unseren Lehrbüchern. Das war auch verständlich. Von allen russischen Schriftstellern war Tolstoi am leichtesten zu malen. Man brauchte bloß mit einem Kugelschreiber auf dem Papier eine Zeit lang hin und her zu schmieren, die Ähnlichkeit war garantiert. Der Tolstoi in unserem Klassenzimmer blickte so böse, als wollte er mit seinen Augen der ganzen Menschheit Löcher ins Hemd brennen.

Ich fand den Unterricht oft langweilig, schweifte in Gedanken vom Thema ab und betrachtete die Porträts an den Wänden. Besonders interessierte mich Graf Tolstoi. Laut unserem Lehrbuch für Literatur war dieser Mann der Spiegel