Wenn verallgemeinernd von »sportlichen Aktivitäten« die Rede ist, klingt das so, als wären sie untereinander austauschbar, das ist jedoch alles andere als zutreffend. Um joggen zu können, brauchen Sie ein gutes Herz-Kreislauf-Training, die Schrittfolge werden Sie aber keinesfalls vergessen haben. Das Gleiche gilt fürs Radfahren oder Schwimmen – man kann sich vielleicht über die Strategie Gedanken machen, nicht aber um den emotionalen Ausdruck. Und beim Tanzen? Nun, das Tanzen hebt sich dadurch von anderen Aktivitäten ab, dass es so viele unterschiedliche Fähigkeiten mobilisiert. Tatsächlich leisten dies nur wenige Sportarten. Gleichgewicht, Muskelarbeit im gesamten Körper, Koordination, Ausdruckskraft, Interaktion mit einem Partner bzw. einer Partnerin, Rhythmusgefühl: Wenn man darüber nachdenkt, gibt es kaum eine Körper- oder Gehirnfunktion, die nicht miteinbezogen wäre. Und als Krönung des Ganzen tanzt man, im Unterschied zu vielen anderen Aktivitäten, immer um des Vergnügens willen und nicht, weil man sich einredet, zum eigenen Wohl zu leiden. Ohne zu behaupten, dass der Tanz die einzige Sportart wäre, die der Mühe lohnt, drücken wir es lieber so aus: Das Tanzen bringt viele spezifische Vorteile mit sich, angefangen bei der kognitiven Arbeit. In diesem ersten Kapitel werden wir genauer darauf eingehen, wie die Körperbewegungen direkt auf unsere Neuronen einwirken, wenn wir tanzen.
DasBrain-Building
Die Auswirkungen eines Tanz-Lernprogrammes wurden mit denjenigen einer Folge wiederholter Sportübungen verglichen (Muller, Rehfeld u.a. 2017). 22 ältere Menschen zwischen 63 und 80 Jahren bei guter Gesundheit beteiligten sich über einen Zeitraum von 18 Monaten als Freiwillige. Bereits nach sechs Monaten bemerkte man, dass die Tänzer eine signifikante Zunahme an grauen Zellen im Gyrus precentralis (dem Teil der motorischen Rinde, der die Bewegungen steuert) verzeichnen konnten, was bedeutet, dass das Tanzen (und eben nicht die wiederholten Übungen) Gehirnmasse hervorbringt. Auf der anderen Seite zeigten die gleichen Tänzer eine Zunahme von neuronalen Wachstumsfaktoren, was wiederum belegt, dass die Verbindung zwischen Tanzen und Gehirn über den Weg der Hormone verläuft. Und schließlich konnte man bei ihnen auch eine Steigerung des Volumens des Parahippocampus beobachten (zentrale Struktur für das Funktionieren der Erinnerung), wodurch sich einigermaßen konkret das bestätigen lässt, was man über die Auswirkungen des Tanzens auf das Erinnerungsvermögen weiß. Daraus haben die Forscher den Schluss gezogen, dass ein Tanzprogramm mit konstantem Lernen neuer Schrittfolgen sinnvoller wäre als die simple Wiederholung von Bewegungen, um die Funktion des Gehirns zu verbessern.
Tanzen als höhere Gehirnfunktion
Ist das wirklich so erstaunlich? Wenn man darüber nachd