Prolog
„Ist Alec bei dir?“
„Alec?“
„Ja, Alec.“ Hannah schiebt sich durch die Tür, bevor ich zur Seite treten kann, und nimmt energisch die fünf Stufen, die von meiner Pforte ins Wohnzimmer führen.
Verdattert sehe ich ihr nach, meine Kaffeetasse in der Hand haltend. „Den habe ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen.“
„Das ist unpraktisch. Er ist nämlich gestern nicht zu seiner Verhandlung erschienen.“ Sie schält sich aus ihrem roten Wollmantel und wirft ihn über die Lehne meiner Couch.
„Er hatte eine Gerichtsverhandlung? Schon wieder?“
Hannah legt ihren Kopf schief und taxiert mich nachdenklich. „Weißt du wirklich nicht, wo er steckt?“
„Nein.“
Sie runzelt die Stirn. „Bist du sicher, Iben? Es ist wichtig.“
„Bin ich.“
Mit ihren tiefen Augenringen wirkt Detective Constable Hannah Dermott an diesem Morgen alles andere als gesund und wahrscheinlich sollte ich nach all den Jahren daran gewöhnt sein, noch vor dem ersten Schluck Kaffee am Morgen nach dem Verbleib meiner Ex-Freunde gefragt zu werden. Doch seltsamerweise bin ich das noch immer nicht.
Hannah gibt ein frustriertes Stöhnen von sich. „Scheiße.“
Ich schließe die Wohnungstür hinter mir und frage mich einmal mehr, weshalb alle Welt zu glauben scheint, dass ich immer über die Aufenthaltsorte meiner Ex-Freunde informiert sei. „Ich bin kein Peilsender, Hannah.“
„Ich weiß, entschuldige.“ Sie fährt sich durch ihr krauses Haar und studiert mein Mobiliar. „Hast du hier umgeräumt?“
„Ein wenig. Ich habe mir einen neuen Sessel besorgt, nachdem mein alter Warren zum Opfer gefallen ist.“ Ich betrachte ihre zerknitterte Bluse, auf der ein undefinierbarer gelber Fleck prangt. „Und du hast schon wieder Überstunden im Büro gemacht?“, versuche ich das Thema zu wechseln. Über meine letzte Beziehung möchte ich bestimmt nicht sprechen.
Sie bläst die Backen auf. „Ja. Dank deines Ex‘. Was ist so schlimm daran, sich einen normalen Job zu suchen? Man könnte meinen, dieses ständige Verhaftetwerden würde ihm irgendwann einmal zum Hals raushängen.“
„Keine Ahnung. Ich habe zumindest die Schnauze voll davon, mich in solche Typen zu verlieben.“
Hannah fährt sich über die Stirn. „Dann tu’s nicht.“
„Ich versuche es. Willst du einen Tee oder einen Kaffee, wenn du schon hier bist?“
„Gern. Wenn ich nicht störe?“
„Nein. Ich bin nur auf dem Sprung zu meinen Eltern. Sie werden langsam ungemütlich, weil ich ihnen schon seit zwei Monaten verspreche, sie zu besuchen, und es nie schaffe“, winke ich ab.
„Das erklärt den todschicken Fummel.“ Sie deutet auf das schwarze Kleid, das ich auf meinen neuen ausladenden Sessel geworfen habe, als ich auf dem Weg zur Tür war, um ihr zu öffnen.
„Meine Mutter sagt immer, das Beste an mir seien meine Beine.“ Ich zucke mit den Schultern. „Und da sie ohnehin unendlich viele Dinge finden wird, die ihr an meinem Leben nicht passen, dachte ich, ich punkte zumindest damit.“
„Gute Überlegung.“ Hannah schenkt mir ein Lächeln. „Vielleicht hilft es ja.“
„Das bezweifele ich. Ich arbeite mit meinen Händen und ich habe keinen Ehemann. Ein Wunder, dass sie mich noch nicht enterbt hat.“
„Mach dir nichts draus. Millionen Frauen beneiden dich um deinen Job.“ Hannah schlendert in Richtung Küche, reißt den Hängeschrank über der Spüle auf und fischt eine Tasse aus dem Inneren, bevor sie nach ihren Teebeuteln greift, die in der Keksdose lagern. „Ich meine, du arbeitest mit Schokolade und Kuchen. Und was den Ehemann betrifft: Wieso bewahrst du eigentlich diese Liste des Grauens überhaupt noch auf?“ Sie deutet auf den Zettel am Kühlschrank, der meine acht Gründe dokumentiert, besser die Finger von der Männerwelt zu lassen. „Ich hätte die schon lange verbrannt.“
„Als Erinnerungsstütze. Vielleicht lerne ich es ja tatsächlich irgendwann, von Mistkerlen die Finger zu lassen.“ Ich sinke auf einen der Küchenstühle, während sie den Wasserkocher noch einmal anstellt, den ich gerade in Betrieb hatte. „Ist Alec mal wieder beim Dealen erwischt worden oder weshalb hat er schon wieder eine Verhandlung am Hals?“
„Darf ich dir nicht verraten.“ Hannah mustert mein unförmiges Schlafshirt und die graue Jogginghose, deren Bund sich an den Knöcheln langsam auflöst. „Wann willst du zu deinen Eltern aufbrechen?“
„In einer Stunde.“ Ich zupfe an der Hose herum, die ich dringend wegwerfen sollte, von der ich mich aber nicht trennen mag, weil sie so bequem ist. „Noch genug Zeit, um wach zu werden und mich fertigzumachen.“
Sie gähnt hinter vorgehaltener Hand. „Draußen hat es geschneit. Das Autokratzen wird ewig dauern. Im Kleid würde ich dir das nicht empfehlen.“
Ich nippe unglücklich an meinem Kaffee. „Du könntest eine gute Nachbarin sein und mir dabei helfen.“
Sie schüttelt träge den Kopf. „Es ist dein Auto und du hast vergessen es abzudecken. Ich werde jetzt schlafen gehen. Außerdem bist du selbst schuld, wenn du bei dem Wetter zu deinen Eltern fährst.“ Hannah gießt ihren Tee auf und deutet in Richtung Tür. „Ich bringe dir die Tasse später wieder. Mein Geschirr lagert noch in den Umzugskartons, wie du weißt. Aber ich verspreche, meine Teebeutel und ich sind nachher verschwunden.“
„Ich behalte deine Teebeutel auch noch länger.“ Ich schenke ihr ein breites Grinsen. „Sie haben sich hier recht gut eingelebt.“
Hannah zieht eine Augenbraue nach oben. „Viel Spaß beim Frieren“, merkt sie an, bevor sie ihren Mantel von der Couch pflückt und davoneilt. DerDetective Constable Hannah ist manchmal ruppiger, als sie sein müsste und ich frage mich nicht zum ersten Mal, ob das eine Berufskrankheit ist, ehe ich aus dem Küchenfenster linse, auf dessen Sims eine ganze Hand breit Schnee liegt.
Zeit, Autokratzen zu gehen.
Der alte dunkelblaue Seat ist von einer dichten Schneedecke überzogen, die kalt und nass meine Finger betäubt, als ich mit dem Schlüssel nach dem Schloss taste. Die Tür öffnet sich unter einem protestierenden Quietschen und lässt einen Teil des Schnees vom Dach herunterklatschen, direkt auf meine Stoffschuhe.
„Na toll“, entweicht es mir frustriert und ich beuge mich über den Fahrersitz hinweg, um nach dem Eiskratzer zu greifen, der im Fußraum begraben liegt. Ein Überrest aus den Tagen, als das Auto noch meinem Großvater gehört hat.
Ich krieche mit dem Kratzer bewaffnet wieder aus dem Wageninneren. Wenn ich gewusst hätte, dass London unter einer Schneedecke versinkt, wäre ich schon gestern Abend gefahren.
Unter dem Schnee, der um mein Auto herum liegt, verbirgt sich eine Eisschicht, die jeden Schritt zum Wagnis werden lässt, und ich kralle mich Halt suchend an der Tür fest. Wahrscheinlich hätte ich mir besser Winterschuhe anstatt meiner Sneakers anziehen sollen, um den Seat freizulegen, aber nun bin ich zu faul, um noch einmal kurz in meine Wohnung zu gehen. Außerdem habe ich keine Lust, länger als nötig in Schlafanzug und Wintermantel hier draußen rumzustehen.
Die Frontscheibe ist total vereist und mir wird zunehmend warm in meiner Aufmachung, während meine Arme langsam schwer werden. Ich wische mir eine Strähne aus der Stirn, die sich beim energischen Kratzen aus meinem Dutt gelöst hat, bevor ich mich daran erinnere, dass ich noch ein Enteisungsspray im Kofferraum habe.
Ich strecke meinen Rücken durch und betrachte den Weg zum Heck meines Wagens kritisch. Im Halbdunkeln des recht frühen Novembermorgens sieht der Schnee noch beinahe unberührt aus und tückisch harmlos. Doch für Stoffschuhträger mit glatten Sohlen ist diese weiße Pracht ein einziger Albtraum.
Ich schlittere langsam in Richtung Heck, ohne die Füße zu heben, und bin schon beinahe am Ziel, als ich die Bodenhaftung verliere.
„Was-“ Ich gebe ein erschrockenes Keuchen von mir und sehe den Boden näherkommen, bevor ich ungebremst mit den Händen voran gegen den Bordstein knalle. Der Schmerz in meinem Knie explodiert und ich schnappe nach Luft. „Heilige Maria Gottes“, entkommt es mir laut. Mein lädiertes Bein prickelt und pocht, ebenso wie meine Handflächen, die in den kalten Schnee gegriffen haben, und ich reibe unglücklich über mein Knie. „Das gibt einen blauen Fleck.“ Ich ziehe unglücklich die Luft ein. Meine Hose ist voller Schneematsch, genauso meine Sneakers. „So ein Käse“, fluche ich leise und versuche, den Schnee notdürftig aus meinen Schuhen zu fischen, bevor meine Socken nass und klamm werden, als ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnehme.
Im Zwielicht der Straßenlaterne kann ich nicht viel mehr als Umrisse erkennen, doch es reicht, um mich meinen Eiskratzer unwillkürlich etwas fester...