: William Makepeace Thackeray
: Die Newcomes
: Red Ediciones
: 9783957189622
: 1
: CHF 2.70
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: Erzählende Literatur
: German
: 935
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der junge Clive Newcome hat es nicht leicht, denn die Natur hat ihm eine ungewöhnliche Begabung zum Zeichnen in die Wiege gelegt, und was liegt näher, als sein größtes Talent auch zu seinem Beruf zu machen? Doch Clives große Liebe, seine Cousine Ethel, hält nichts von diesen Plänen, denn eine Ehe mit einem einfachen Maler kommt für das ehrgeizige Mädchen unter keinen Umständen in Frage - zumal nicht nur Ethel, sondern ganz England der Meinung ist, dass eine Heirat aus Liebe die größte Torheit ist, die man begehen kann, und junge Damen stattdessen in erster Linie darauf sehen müssten, eine 'gute Partie' zu machen. Damit steht Clive vor einer folgenschweren Entscheidung - und was der Autor nun vor dem Leser ausbreitet, beschreibt der Rezensent des 'Quarterly Review' von 1855 als 'Mr. Thackerays Meisterwerk' und lobt den Roman als die detaillierteste und wahrheitsgetreuste Schilderung des echten Lebens im viktorianischen England. Thackerays gnadenlose Abrechnung mit dem Konzept der Konvenienzehe war über lange Zeit der populärste Roman des Schriftstellers. Der für seine beißende Satire gefeierte Thackeray, dessen Gesellschaftsportrait 'Jahrmarkt der Eitelkeiten' 2015 von einer Fachjury zu einem der bedeutendsten britischen Romane gekürt wurde, spart auch in 'Newcomes' nicht mit Sarkasmus und augenzwinkerndem Humor und beweist einmal mehr, mit welchem Scharfblick er die Menschen und ihre Beweggründe, ihre Schwächen, Torheiten und ihre Doppelmoral zu entlarven verstand. Illustriert wurde der Roman von dem Maler und Karikaturisten Richard Doyle, der auch für Charles Dickens und das Satiremagazin Punch arbeitete.

2. Kapitel.
Oberst Newcomes Flegeljahre.


Der junge Gentleman, der sich eben zu Bett verfügt hat, ist der Held der folgenden Seiten, und es wird daher am besten sein, wenn wir unseren Bericht über ihn mit seiner Familiengeschichte beginnen, die zum Glück nicht sehr lang ist.
Als auf den Köpfen der Leute der britischen Oberschicht noch Zöpfe wuchsen und die Gattinnen noch Polster auf den Köpfen trugen, über die sie ihr Haar banden, um es dann mit Puder und Pomade zu bestreichen, als die Minister sich noch mit ihren Sternen und Orden angetan ins Unterhaus begaben und die Redner der Opposition allnächtliche Angriffe auf den Lord mit dem blauen Band1 machten, als Mr. Washington unerschrockenen Mutes, der, wie man eingestehen muß, einer besseren Sache wert gewesen wäre, die amerikanischen Rebellen zum Kampf führte – zu jener Zeit erschien in London aus einer nördlichen Grafschaft Mr. Thomas Newcome, später Thomas Newcome, Esq., und Sheriff von London, später Mr. Alderman Newcome, der Gründer der Familie, deren Name unserer Geschichte ihren Titel verliehen hat. Erst unter der Regierung Georgs III. zeigte sich Mr. Newcome in Cheapside2, denn seinen Einzug in London hatte er mittels eines Frachtwagens bewerkstelligt, der ihn und einige Ballen Tuch, die sein ganzes Vermögen ausmachten, in Bishopsgate Street gelandet hatte, obschon einige der jetzt lebenden Newcomes das Wappenbüro sehr gut bezahlen würden, wenn dieses beweisen könnte, daß die Newcomes unter Wilhelm dem Eroberer Zöpfe getragen hatten und Mr. Washington unter König Richard in Palästina gegen die Engländer gefochten hatte, denn die Newcomes bewegen sich unter den vornehmsten Ständen des Landes und geben ihre Gastmähler nur dem höchsten Adel und der Creme der feinen und diplomatischen Welt, wie man alle Tage in den Zeitungen lesen kann. Diese Newcomes haben sich nämlich bei der zuständigen Behörde einen Stammbaum verschafft, der beweist daß der Newcome von Cromwells Armee, der sich unter den letzten sechs befand, die Königin Maria um ihres Bekenntnisses zum Protestantismus willen aufknüpfen ließ, und andere berühmte Newcomes Ahnen dieses Hauses waren; ein Mitglied desselben zeichnete sich in Bosworth Field3 aus, und der an König Harolds Seite bei Hastings erschlagene Gründer der Familie war nach diesem Stammbaum Leib-Feldscherer4 König Eduards des Bekenners gewesen. Trotzdem aber glaube ich doch, unter uns gesagt, daß Sir Brian Newcome kein einziges Wort von dieser ganzen Geschichte glaubt, ebensowenig wie die übrige Welt, obschon mehrere seiner Kinder auf Namen aus dem sächsischen Kalender getauft sind.
War Thomas Newcome wirklich ein Findelkind – ein Armenhauskind aus dem Dorf, das gegenwärtig eine große Fabrikstadt ist und seinen Namen trägt? So lautete zumindest das Gerücht, das man während der letzten Parlamentswahl verbreitete, als Sir Brian im Interesse der Konservativen als Parlamentskandidat für den Wahlbezirk auftrat, und Mr. Yapp, der ultraliberale Kandidat, ließ eine bildliche Darstellung des alten Armenhauses als des Geburtsorts der Familie Newcome an allen Straßenecken der Stadt ankleben – Plakate, die ironischerweise Freie dazu bewegten, für Newcome zu stimmen und für dieEinheit – Newcome und dieGemeindeinteressen und so fort. Doch wen kümmern dergleichen lokale Skandale? Für all jene, die so glücklich sind, zu Lady Anne Newcomes Gesellschaften eingeladen zu werden, kommt nicht viel darauf an, ob die schönen Töchter der Lady ihren Stammbaum nicht weiter zurückführen können als bis auf den Alderman, ihren Großvater, oder ob sie mittels des sagenumwobenen Leib-Feldscherers bis an das Kinn Eduards, des Königs und frommen Bekenners, hinaufreichen.
Thomas Newcome, der in seinem Geburtsort als Weber tätig g