: Ellen Wood
: Die Grafentöchter
: Red Ediciones
: 9783957189677
: 1
: CHF 2.20
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: Erzählende Literatur
: German
: 632
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Kapitän Frank Chesney gehört zwar einer vornehmen Familie an, doch der Vater von vier Töchtern sieht sich dennoch gezwungen, seine Heimatstadt Plymouth zu verlassen, denn der auf Halbsold gesetzte Seemann steckt tief in Schulden und wird von seinen Gläubigern zunehmend bedrängt. Doch auch im Exil in dem kleinen Städchen South Wennock ist dem reizbaren, von der Gicht geplagten Witwer keine Ruhe vergönnt, denn auch hier mehrt sich bald die Zahl derer, die nachdrücklich fordern, er möge seine Schulden bei ihnen begleichen. Als wäre dies nicht bereits unangenehm genug, kündigt bald darauf seine Tochter Laura an, Mr. Lewis Carlton, einen einfachen Landarzt, heiraten zu wollen - eine nach Ansicht des Kapitäns keineswegs standesgemäße Wahl. Er verbietet die Hochzeit, gerade wie er einst seiner Tochter Clarice verboten hatte, als Gouvernante zu arbeiten, um die Familie finanziell unterstützen zu können. Diese hatte sich seinem Befehl widersetzt, das väterliche Haus verlassen und nun schon seit einem Jahr nichts mehr von sich hören lassen. Noch kann niemand ahnen, dass die heiratswillige Tochter Frank Chesneys nicht nur Licht in das Dunkel zu bringen vorbestimmt ist, das das Verschwinden Clarices umgibt, sondern auch einen mysteriösen Todesfall aufklären wird, von dem das Städchen South Wennock überzeugt ist, dass man niemals hinter die wahren Umstände kommen würde, die zum Tod einer eben erst in die Stadt gekommenen, überaus hübschen, schwangeren jungen Dame führten, kurz nachdem diese entbunden wurde ... Die Schriftstellerin Ellen Wood, besser bekannt unter dem Namen Mrs. Henry Wood, verfasste weit über dreißig Romane, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden, ihr zu weltweiter Bekanntheit verhalfen und sie in Australien bekannter als Charles Dickens machten.

I. Die Ankunft.


Eine kleine Provinzstadt im Herzen Englands war vor einigen wenigen Jahren der Schauplatz einer bedauerlichen Tragödie. Ich muß meine Leser bitten, ein wenig Geduld mit mir zu haben, während ich dieselbe schildere. Die Aufzeichnung jener Verbrechen, die den sündhaften Leidenschaften unserer Natur entspringen, ist für die Feder nicht die angenehmste Beschäftigung, doch es läßt sich nicht leugnen, daß sie zweifellos in vielen von uns ein Interesse erwecken, das beinahe als Faszination bezeichnet werden kann. Ich denke, daß der folgende Bericht dessen, was sich zugetragen hat, dem Leser ein solches Interesse einflößen wird.

Der Ort South Wennock war wenig mehr als ein Ausläufer der bedeutenderen Stadt Great Wennock, die etwa zwei Meilen davon entfernt lag. Das ganz England bedeckende Eisenbahnnetz, das auch einen Knotenpunkt in Great Wennock bildet, hat South Wennock nicht für bedeutend genug gehalten, um es in seine Verschlingungen mit aufzunehmen, so daß Reisende, die nach South Wennock zu gelangen wünschen, genötigt sind, die zwei Meilen, die es von Great Wennock trennen, mittels eines Omnibus zurückzulegen.

Die Straße, auf welcher der Omnibus den kleinen Ort erreichte, gehörte zu einer der schlechtesten, auf die man in einem zivilisierten Land zu stoßen vermag. Wenn dieses Fuhrwerk die zwei Meilen rüttelnd und schüttelnd zurückgelegt hatte, erreichte es South Wennock direkt im Stadtzentrum. Man hätte sagen können, daß South Wennock aus nichts weiter als einer einzigen langgezogenen Straße bestand, die den Namen High Street trug, doch neuerdings sind an beiden Enden dieser alten Straße zahlreiche Neubauten errichtet worden, so daß sich noch zwei Straßen gebildet haben, deren eine Häuserreihe Palace Street genannt worden war, weil sie zum Landsitz des Bischofs der Diözese führt, während jene am anderen Ende von High Street der Berg genannt wurde. Eine allmählich ansteigende Erhöhung des Bodens hat Anlaß zu diesem Namen gegeben, und hier fand man hauptsächlich größere und kleinere Villen.

Am Nachmittag des 10. März des Jahres 1848, einem Freitag, kam der Omnibus durch South Wennock gerasselt und hielt wie gewöhnlich vor dem Roten Löwen. Mrs. Fitch, die Wirtin, eine wohlbeleibte, aber nichtsdestoweniger sehr geschäftige Dame mit einem beständigen hohen Rot auf den Wangen und einem stets freundlichen Lächeln auf den Lippen, kam herbeigeeilt, um die Gäste zu empfangen, die der Omnibus ihr möglicherweise gebracht haben konnte.

Das Fuhrwerk enthielt nur eine Dame mit ihrem Koffer, und in dem Augenblick, als Mrs. Fitch ihr Auge auf die Angekommene gerichtet hatte, kam sie zu dem Schluß, sie habe nie in ihrem ganzen Leben in ein schöneres Gesicht geblickt.

»Ihre Dienerin, Miss. Wünschen Sie hier abzusteigen?«

»Auf kurze Zeit, während Sie mir ein Glas Wein und einen Biskuit reichen,« lautete die Antwort der Reisenden, die in Wesen und Sprechweise die Dame von Stand nicht verkennen ließ. »Ich sehne mich recht nach einer Erfrischung, denn ich fühle mich sehr ermüdet; das Schütteln des Omnibus ist entsetzlich gewesen.«

Sie war während dieser Worte mit Hilfe der von ihrer ganzen Erscheinung seltsam angezogenen Mrs. Fitch ausgestiegen und in das Haus getreten.

»Das tut mir sehr leid, teure Ma’am! Er rüttelt wirklich schrecklich, dieser Omnibus – und in Ihrem Zustand ist es sicher unerträglich. Und vielleicht haben Sie eine weite Reise hinter sich! Ich werde Ihnen sogleich etwas bringen. Ich hielt Sie tatsächlich zuerst für eine unverheiratete Dame.«

»Wenn Sie vielleicht etwas kalten Braten hätten, wäre mir ein belegtes Brot lieber als ein Biskuit,« lautete die ganze Antwort der Reisenden.

Sie setzte sich in den gepolsterten Stuhl der Wirtin, denn Mrs. Fitch hatte sie in ihr eigenes Wohnzimmer geführt, band den Hut auf und warf die Bänder zurück. Es war ein Strohhut mit weißen Bändern; das Kleid und der Mantel der Dame waren aus dunkler Seide. Nie h