1. Kapitel.
Levitisch.
In den letzten Jahren hat sich ein wahrer Regenstrom von Hilfspredigern über den Norden Englands ergossen. Sie liegen dick über die Hügel ausgesät. Jedes Kirchspiel hat einen oder mehrere davon. Sie sind jung genug, um sehr tätig zu sein, und sollten daher recht viel Gutes bewirken. Doch wir wollen nicht von den letzten Jahren sprechen, wir gehen zum Anfang unseres Jahrhunderts zurück. Die letzten Jahre – die gegenwärtigen Jahre sind staubig, sonnenverbrannt, heiß, trocken; wir werden die Hitze meiden, sie in der Siesta vergessen, den Mittag im Schlummer verbringen und von der Morgendämmerung träumen.
Wenn du nach diesem Vorspiel glaubst, daß etwas wie eine Romanze für dich zugerichtet werden soll, geehrter Leser, so hast du dich gewaltig geirrt. Erwartest du Sentimentalität und Poesie und Träumerei? Rechnest du mit Leidenschaft, Anregung, Melodrama? Mäßige deine Erwartungen, verringere sie auf einen niedrigen Maßstab. Etwas Wirkliches, Kühles und Solides liegt vor dir; etwas ebenso Unromantisches wie ein Montagmorgen, wenn alle, die arbeiten müssen, mit dem Bewußtsein aufwachen, daß sie aufstehen und sich an dieselbe begeben müssen. Wir wollen nicht mit Bestimmtheit behaupten, daß du nicht vielleicht gegen die Mitte oder das Ende der Mahlzeit etwas Pikantes finden könntest, aber so viel ist gewiß, daß der erste Gang, der auf den Tisch kommt, ein solcher sein wird, den ein Katholik – ja, sogar ein englischer Katholik – am Karfreitag essen könnte: kalte Linsen und Essig ohne Öl, ungesäuertes Brot mit bitteren Kräutern, und kein Lammbraten.
In den letzten Jahren also, sage sich, hat sich ein wahrer Regenstrom von Hilfsgeistlichen über den Norden Englands ergossen; im Jahre 1812 war er jedoch noch nicht herabgeflossen. Hilfsprediger waren damals rar; es gab noch keine Pastoral-Hilfsgesellschaft – keine Hilfsverweser-Gesellschaft1, die ermatteten alten Pfarrern und Würdenträgern eine helfende Hand ausstreckte und ihnen die Mittel verlieh, einen jungen, kräftigen Kollegen aus Oxford oder Cambridge zu bezahlen. Die gegenwärtigen Nachfolger der Apostel, Schüler Dr. Puseys2 und Werkzeuge der Propaganda, wurden damals noch in Wiegenbetten gehätschelt oder durchliefen ihre Wiedergeburt durch die Nottaufe in Handbecken. Man hätte beim Anblick eines derselben durchaus nicht vermuten können, daß die mit dem Kräuseleisen gebügelte Doppelkrause seines Haarnetzes die Augenbrauen eines vorherbestimmten, speziell geweihten Nachfolgers des heiligen Paulus, Peters oder Johannes umgebe, ebensowenig wie man in den Falten seines langen Nachtgewandes das weiße Chorhemd vorausgesehen hätte, in dem späterhin die Seelen seiner Gemeinde aufs grausamste eingeübt und sein altmodischer Vikar in Verwirrung gestürzt werden sollte, wenn das weitärmelige Gewand hoch oben auf einer Kanzel wallte, das sich zuvor nie höher als über das Lesepult ausgebreitet hatte.
Doch selbst in jenen Tagen des Mangels gab es Hilfsprediger. Diese kostbare Pflanze war zwar selten, fand sich aber doch. Ein gewisser begünstigter Distrikt an der