: William Makepeace Thackeray
: Samuel Titmarsh oder Der Familiendiamant
: Red Ediciones
: 9783957189646
: 1
: CHF 1.80
:
: Erzählende Literatur
: German
: 294
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Als Samuel Titmarsh in einer wichtigen Angelegenheit zu seiner reichen Tante Susan Hoggarty gerufen wird, eilt er in Erwartung einer größeren Geldsumme zu ihr, die sie ihm schon seit längerer Zeit in Aussicht gestellt hat. Statt Geld überreicht sie ihm jedoch ein altes Familienschmuckstück, eine geradezu monströse, abgrundtief hässliche Brosche, in deren Mitte sich das Porträt des seligen Hoggarty befindet, eingerahmt von dreizehn roten Haarlocken seiner Schwestern. Sams Enttäuschung könnte kaum größer sein, doch unter der unsäglichen Haarsammlung schimmert zu seiner Erleichterung der Hoggartysche Familiendiamant hervor, den der junge Mann neu fassen lässt. Als er nun mit seinem neu gestalteten, modischen Schmuckstück in Form einer Diamantnadel nach London zurückkehrt, öffnet das Juwel dem jungen Mann die Häuser der vornehmsten Kreise der City und des Westends. Doch während Titmarsh sein Glück kaum fassen kann, bemerkt er zugleich, dass sein neues Ansehen ihm die Gunst von Menschen einträgt, die nicht wie vorgegeben sein Wohlergehen im Sinn haben, sondern sich mit sinisteren Plänen tragen ... Der für seine beißende Satire gefeierte Thackeray, dessen Gesellschaftsportrait 'Jahrmarkt der Eitelkeiten' 2015 von einer Fachjury zu einem der bedeutendsten britischen Romane gekürt wurde, spart auch in 'Samuel Titmarsh' nicht mit Sarkasmus und augenzwinkerndem Humor und beweist einmal mehr, mit welchem Scharfblick er die Menschen und ihre Beweggründe, ihre Schwächen, Torheiten und ihre Doppelmoral zu entlarven verstand.

1. Kapitel.
Enthält einen Bericht über unser Dorf und den ersten Schimmer des Diamanten.


Als ich nach meinem zweiten jährlichen Besuch zu Hause wieder nach London zurückging, machte meine Tante Hoggarty mir eine Diamantnadel zum Geschenk, das heißt, es war damals noch keine Diamantnadel, sondern eine große, altmodische Brosche, die im Jahre 1795 in Dublin gefertigt worden war und die der selige Mr. Hoggarty auf den Bällen des Stadthalters und bei anderen Gelegenheiten zu tragen pflegte. Er hatte sie, wie er sagte, bei der Schlacht von Vinegar Hill getragen, wo er durch seinen Klub-Zopf davor bewahrt wurde, seinen Kopf zu verlieren – doch dies gehört nicht hierher.
In der Mitte der Brosche befand sich Hoggartys Bild in der scharlachroten Uniform des Landwehr-Korps, zu dem er gehörte, und um ihn her dreizehn Haarlocken von einem Bäckerdutzend1 von Schwestern, und da all diese kleinen Löckchen die glänzend rote Familienfarbe besaßen, erschien Hoggartys Portrait wie ein großes, fettes, rotes, rundes, von dreizehn Möhren umgebenes Stück Rindfleisch. Sie waren auf einem Teller von blauem Emaille aufgetragen, und aus dieser Haarsammlung schien dergroße Hoggartysche Familiendiamant (wie wir ihn in der Familie nannten) zu wachsen.
Ich brauche nicht zu sagen, daß meine Tante reich ist, und ich glaubte sie ebensogut beerben zu können wie irgendein anderer. Sie hatte während des Monats meiner Ferien besonderen Gefallen an mir gefunden, ließ mich oft Tee bei ihr trinken (wenn es auch im Dorf eine gewisse Person gab, mit der ich an jenen goldenen Sommerabenden lieber auf den frisch gemähten Wiesen umher spaziert wäre, versprach jedesmal, wenn ich ihren Bohea2 trank, etwas Ansehnliches für mich zu tun, wenn ich wieder in die Stadt zurückkehren würde, und lud mich sogar drei- oder viermal zum Dinner um drei Uhr ein und anschließend zum Whist oder Cribbage. Gegen das Kartenspiel hatte ich nicht viel einzuwenden, denn obgleich wir stets sieben Stunden am Stück miteinander spielten und ich fortwährend verlor, überstiegen meine Verluste dennoch nie dreizehn Pence an einem Abend, aber es gab dabei höllisch sauren schwarzen Johannisbeerwein, den die alte Lady stets bei Tisch auftragen und auch mit dem Teetablett um zehn Uhr bringen ließ und den ich nicht auszuschlagen wagte, wenn ich auch bei meiner Ehre versichern muß, daß er mir sehr übel bekam.
Nun, ich glaubte nach all dieser Unterwürfigkeit von meiner Seite und den wiederholten Versprechungen meiner Tante, daß mir die alte Dame wenigstens ein Dutzend Guineen schenken würde (wovon sie Unmengen in der Schublade hatte), und war so fest überzeugt, daß sie mir ein derartiges Geschenk zukommen lassen würde, daß eine junge Dame namens Miss Mary Smith, mit der ich über den Gegenstand gesprochen hatte, sogar eine kleine grünseidene Geldbörse häkelte, die sie mir schenkte (hinter Hicks’ Heuschober, rechts, wenn man Curchyard Lane entlang geht) – die sie mir, sage ich, in ein Stück Silberpapier eingewickelt, gab. Auch befand sich bereits etwas in der Börse, wenn die Wahrheit schon einmal gesagt werden soll. Zum einen befand sich darin eine Locke des glänzendsten, schwärzesten Haares, das man sehen konnte, und zum anderen drei Pence, das heißt, die Hälfte eines silbernen Sixpence-Stücks an einem blauen Halsband. Ach, ich wußte, wo die andere Hälfte des Sixpence-Stücks war, und ich beneidete jenes glückliche kleine Silberplättchen!
Den letzten Tag meiner Ferien mußte ich natürlich gezwungenermaßen Mrs. Hoggarty widmen. Meine Tante war ausnehmend gnädig und brachte als besonderen Leckerbissen für mich einige Flaschen von dem schwarzen Johannisbeerwein, wovon sie mich den größeren Teil trinken ließ. Als am A