: Ellen Wood
: George Canterburys Testament
: Red Ediciones
: 9783957189653
: 1
: CHF 2.20
:
: Erzählende Literatur
: German
: 512
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Eigentlich besteht kein Zweifel, wer den enormen Reichtum George Canterburys einst erben wird, denn der Witwer hat vier Töchter, mit denen er auf dem Familienanwesen lebt. Doch es scheint, als habe sich Mr. Canterbury in den Kopf gesetzt, noch einmal zu heiraten, wie seine Töchter bestürzt feststellen - und zwar ausgerechnet die blutjunge Caroline Kage, deren intrigante Mutter von dem Wunsch besessen zu sein scheint, nicht nur ihrer Tochter zu einer fabelhaften Partie zu verhelfen, sondern sich zugleich selbst aus ihren überaus beschränkten Verhältnissen herauszuhelfen. Dass Unfriede entstehen würde, wenn Mr. Canterbury eine neue Gattin ins Haus brächte, ist den Schwestern von vorneherein klar, doch sie ahnen nicht, welchen Einfluss Caroline und ihre Mutter auf den älteren Herrn ausüben, dass dieser sein Testament ändern solle, und zwar auf solche Weise, dass die zu den Testamentsvollstreckern ernannten Personen sich weigern, zu den Handlangern eines derart ungerechten letzten Willens zu werden ... Die Schriftstellerin Ellen Wood, besser bekannt unter dem Namen Mrs. Henry Wood, verfasste weit über dreißig Romane, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden, ihr zu weltweiter Bekanntheit verhalfen und sie in Australien bekannter als Charles Dickens machten.

1. Kapitel.
Im Abendlicht.


Nichts hätte anmutiger sein können. Die im Westen versinkende Sonne goß ihre Strahlen auf die lange blaue Wasserlinie. Sie schimmerte auf den weißen Segeln der Vergnügungsboote und der Fischerkähne, die sich zu ihrer nächtlichen Arbeit anschickten, brachte die schönen, auf ihrem entfernten Kurs vorüber segelnden Schiffe in schärferer Klarheit vor das Auge und spielte mit sanftem Licht auf den Gipfeln der Gebirgskette, die ihre wellenförmigen Umrisse meilenweit in die Ferne hin erstreckte und den Ausblick zur Rechten begrenzte. Überall herrschte ruhige, wohltuende Stille. Wilde Meereswogen waren an diesem Abend nirgendwo zu sehen; weder Schaum noch Gischt krönte die Wellen. Die ganze Welt schien auszuruhen von aller Plage und Mühsal, von ihren sündhaften Leidenschaften und unbedeutenden Kämpfen, als wolle sie allen Menschenherzen einen Vorgeschmack von jenem Seelenfrieden einflößen, der ihnen erst im Himmel beschieden ist.

Der Ort, Little Bay, war ein ruhiger kleiner Badeort an der Küste von Wales, wo das Baden angenehm, die Luft belebend war und der Seeblick in weite Ferne reichte. Da er zu jener früheren Zeit wenig besucht wurde, war er anspruchslos und äußerst günstig und ahnte nichts davon, welch ein beliebter Erholungsort für die modische Gesellschaft er zu werden vorausbestimmt war.

In einem großen, offenen Bogenfenster befanden sich zwei junge Mädchen, die zum Teil ihre Blicke über die Aussicht schweifen ließen, die der einen von ihnen so teuer war, und zum Teil einem Gentleman zuhörten, der außerhalb des Fensters an dessen Rahmen gelehnt stand und sich zwanglos mit ihnen unterhielt. Das ihm zunächst stehende Mädchen, das auf seine schlagfertigen Worte antwortete, noch ehe er seine Sätze recht beendet hatte, war prächtig in schöne blaue Seide und Spitzen gekleidet – ein junges, schönes Mädchen von siebzehn Jahren, dem Aussehen nach fast noch ein Kind, mit lachenden dunkelblauen Augen, üppigem dunkelbraunem Haar und Wangen, die mit den Farben der Damaszenerrose wetteiferten – alles in allem eine so liebliche Erscheinung, wie sie nur je die Sinne eines Mannes entzückte. Die andere war ebenfalls sehr hübsch, bot jedoch einen ruhigeren Anblick. Sie war ein sanftes Mädchen von gerade neunzehn Jahren, mit großen, schüchternen, hellbraunen Augen, etwas hellerem braunem Haar und ein wenig blasser Hautfarbe – ein sanftes, liebliches Gesicht, das man gern betrachtete. Sie war größer als ihre Gefährtin und dennoch nur von mittlerer Größe; ihr schlichtes Musselin-Kleid konnte höchstens einige Shilling gekostet haben. Man kann nicht von den Kleidern auf die Mittel des Trägers derselben schließen, wie alle Welt weiß. Das prächtig gekleidete Mädchen in ihrer blauen Seide mit den kostbaren Honiton-Spitzen1 – Caroline Kage – hatte von jeher in dürftigen Verhältnissen gelebt, denen sie nicht anders zu entgehen erwartete als durch eine vorteilhafte Heirat; die andere sollte mutmaßlich einst wenigstens hunderttausend Pfund erben, denn sie war eine Tochter des reichen Mr. Canterbury aus Chilling.

Und er, der nun mit ihnen plauderte – Thomas Kage? Er war von Beruf Rechtsanwalt, der sich sein Brot hart verdienen mußte und von keinem Menschen auf der Welt auch nur einen Shilling zu seiner Hilfe erwartete, ein Mann von so schlanker Gestalt, daß sie ihn fast von m