1. Kapitel.
War die Frau wahnsinnig?
In einer Vorstadt von Ketterford, das sich, im Herzen Englands gelegen, einiger Bedeutung erfreut, stand vor einigen Jahren ein weißes Haus, dessen grüner Rasen, eingefaßt von Gruppen von Sträuchern und Blumen, sich bis zur Hauptstraße herab senkte. Es steht wahrscheinlich noch immer dort und sieht aus, als wäre seit damals nicht ein einziger Tag an ihm vorübergegangen, denn Häuser lassen sich beinahe bis zu ihrer ursprünglichen Jugend renovieren, was bei den Kindern der Menschen nicht der Fall ist. Es war ein freundliches, stattliches Haus, und bewohnt wurde es von Mr. Thornimett.
Einen Steinwurf entfernt und in Richtung des freien Feldes lagen verschiedene Werkstätten und Schuppen, die ein geräumiger Hof von dem Haus trennte. Sie waren Mr. Thornimetts Eigentum, und das Bauholz sowie anderes Material, das in jenem Hof umher lag, würde auch ohne Hilfe des hohen Schildes mit der Aufschrift »Richard Thornimett, Zimmermeister und Bauunternehmer« das Gewerbe ihres Besitzers angedeutet haben. Sein Geschäft war ein bedeutendes, wenn man berücksichtigt, daß er es in einer Provinzstadt betrieb.
Wenn man durch das von Pfeilern getragene Portal in das Haus trat, den schwarzweißen Teppich der Vorhalle überschritt und sich nach links wandte, gelangte man in ein Zimmer, dessen Fenster auf den Holzhof hinaus gingen. Seine Einrichtung kennzeichnete es als eine Art Studierzimmer oder Kontor, obgleich sich das eigentliche Geschäftskontor draußen bei den Werkstätten befand. Der Fußboden war mit Matten belegt, Schreibpulte und Schemel standen hier und dort, und an den Wänden hingen mit Bleistift gezeichnete sowie kolorierte Zeichnungen, keine anmutigen, kunstgerecht ausgeführten Landschaften, wie sie aus den Händen der modernen Meister hervorgehen, sondern Entwürfe verschiedener Häuser – Kirchen, Brücken und Häuserreihen – Pläne von Schöpfungen, die der praktischen Umsetzung harrten, nicht aber auf dem Papier bewundert werden sollten. Dieses Zimmer benutzte hauptsächlich Mr. Thornimetts Schüler, und wir finden ihn augenblicklich darin vor.
Er heißt Austin Clay und ist ein großgewachsener, arbeitsamer, tatkräftiger Bursche mit dem Aussehen eines jungen Mannes von Bildung. Es ist der Ostermontag jenes längst vergangenen Jahres – wenngleich auch nicht gar so sehr lange – und im Hof wie in den Werkstätten herrscht heute tiefe Ruhe. Um es genau zu nehmen, kann man Austin Clay nicht länger als Schüler bezeichnen, denn er zählt einundzwanzig Jahre und hat sein Examen bestanden. Dies Haus ist seine Heimat; Mr. und Mrs. Thornimett, die kinderlos sind, sind ihm beinahe wie Vater und Mutter. Sie haben kein Wort über das Fortgehen zu ihm fallen lassen, und er hat nichts derartiges gegenüber ihnen erwähnt. Die Stadt, zungenfertig und ahnungsvoll wie immer, war der Ansicht, daß Mr. Thornimett ihn zu seinem Teilhaber machen würde. Mr. Thornimett hatte indessen keine Silbe über diesen Punkt verlauten lassen.
Austin Clay stammte aus einer vornehmen Familie. Mit vierzehn Jahren war er verwaist, und da ihm keine ausreichenden Mittel zur Vollendung seiner Erziehung zu Gebote standen, fragte sich Ketterford, was aus ihm werden solle und ob es für ihn nicht das beste sei, davonzulaufen und zur See zu gehen, um niemandem zur Last zu fallen. Da trat Mr. Thornimett ins Mittel und löste die Schwierigkeit. Die verstorbene Mrs. Clay – Austins Mutter – und Mrs. Thornimett waren entfernte Verwandte, und dieser Umstand, in Verbindung mit der wichtigen Tatsache, daß das Haus Thornimett kinderlos war, mochte dazu g