2. Kapitel.
Der Toten getreu.
»Den Toten die Treue zu halten, liegt nicht in der menschlichen Natur.«
Dies waren die Worte gewesen, die Mrs. Carleton St. John auf dem Sterbebett gesprochen hatte, und größere Wahrheit hat selbst Salomo niemals von sich gegeben.
Die Jahreszeiten hatten ihren Lauf genommen; der Frühling war dem Winter gefolgt, der Sommer dem Frühling. Der Herbst trat nach dem Sommer seine Herrschaft an. Kaum zwölf Monate waren seit dem Todesfall vergangen, und schon flüsterte die Stimme des Gerüchtes mit tausend Zungen, George Carleton St. John beginne an eine Wiedervermählung zu denken.
Das Kind gedieh von seiner Geburt an vortrefflich. Es schien, als habe Mr. St. John einen unüberwindlichen Widerwillen davor, die Pflichten der Mutter von einer anderen Frau an dem Kind erfüllen zu lassen, und so zogen sie das Kind mit den erstbesten dazu geeigneten Nahrungsmitteln auf, und sie bekamen ihm vortrefflich. Die Haushälterin empfahl ihrem Herrn dringend eine ihrer Nichten als Wärterin für das Kind. Das junge Mädchen, Honoria Tritton genannt, eine anmutige, hellhäutige, hübsch anzusehende junge Frau, kam aus weiter Ferne herbei und trat ihre Pflichten an. Alles ging ruhig seinen Gang, und Mr. St. Johns Trauer beugte sich der Zeit und dem Wechsel der Dinge, wie sich jeder Gram durch die Gnade Gottes beugen muß.
Im Sommer hatten sich Freunde eingestellt, um Mr. St. John zu besuchen. Tatsächlich handelte es sich um Verwandte, allerdings um entfernte, die sich als vergnügte Leute herausstellten. Sie verweilten längere Zeit, und nach und nach sah Alnwick Hall wieder festliche Versammlungen in seinen Mauern und sein Herr begann aufs neue Besuche bei den Familien der Nachbarschaft abzustatten. Ob dies nun geschah, um dem Kummer zu entkommen, den ihm sein großer Verlust verursachte, oder ob er seinen Gästen den Aufenthalt angenehmer gestalten wollte, gewiß war jedenfalls, daß George St. John keiner fröhlichen Gesellschaft mehr auswich, weder in seinem eigenen Haus noch anderswo. Mrs. Trittons Meinung darüber war, daß er seine Verwandten selbst eingeladen habe, weil ihm sein Leben in Alnwick Hall unerträglich düster und einförmig erschien. Wenn dem so war, dann hatte das Verweilen der Gäste den gewünschten Erfolg und ließ den Hausherrn seine Sorgen und sich selbst vergessen.
Es ist überraschend, wieleicht langandauernder Gram abgelegt zu werden vermag, wenn wir erst solche Anstrengungen, uns über ihn zu erheben, unternehmen. Unmerklich scheint er von uns zu weichen und ist vergessen. Von jenem elften November bis in den Juni hinein hatte Mr. St. John nichts getan als sich seiner Trauer hinzugeben. Dieselbe hatte sich natürlich nach und nach gelegt, doch von seiner Seite war nicht das geringste geschehen, um deren Bitterkeit abzumildern. Mancher mag sagen, jene sieben Monate seien keine sehr lange Zeit, doch diesen muß ich sagen, daß sie eine lange Zeitsind, wenn sie ausschließlich in Tränen und Einsamkeit zugebracht werden. Jeder heftigen Gemütsbewegung muß eine Reaktion folgen, selbst wenn die Veranlassung der Tod eines geliebten Menschen war, und diese Reaktion trat auch in George St. Johns Herzen ein, und zwar mit der Ankunft seiner Freunde. Ein vierzehntägiges Beisammensein mit ihnen, und er war nicht mehr derselbe Mensch. Als Gastgeber mußte er sich zusammennehmen, und mit dem Versuch dazu stellte sich die Lust daran ein. Ehe der Juni vorüber war, hatte er dreiviertel seines Grams vergessen. Es schien, wie er es selbst hätte beschreiben können, als sei die Trauer leise aus seinem Herzen gewichen und habe an ihrer Stelle darin Heilung und Vergessen zurückgelassen. Er hätte mit Feuereifer erklärt, noch ebenso innig wie